Mit Ende 30 ließ Rene Freitag sein normales Leben hinter sich, zog von einer 75-Quadratmeter-Wohnung in einen 4,5 Quadratmeter großen Volkswagen T3 namens „Horst“ und machte sich auf zu einer Reise in die Freiheit und ins Abenteuer. Eineinhalb Jahre und viele tausende Kilometer durch Europa und Nordafrika später, stürzte “Horst” von einem der höchsten Punkte in den Pyrenäen 250 Meter in die Tiefe. Für Rene, der unverletzt blieb, war klar: Die Reise ist noch nicht zu Ende!


Autorin: CARMEN RADECK

Dass aus Rene Freitag einmal ein Abenteurer wird, war für ihn selbst lange Zeit undenkbar. Als er acht Jahre alt war, hatte er seinen ersten epileptischen Anfall. Seitdem waren Kindheit und Jugend von der Angst vor dem nächsten Anfall geprägt. „Meine Jugendzeit über war ich sehr kontrolliert“, sagt der gebürtige Mönchengladbacher. Als Jahre später einige seiner Freunde während ihres Studiums zu Langzeitreisen unterwegs waren, packte auch Rene die Abenteuerlust. Sein letzter epileptischer Anfall lag schon eine Weile zurück. Entschlossen, sich seinen Ängsten zu stellen, plante er eine dreimonatige Reise, Backpacking in Australien sollte es sein. Mit einer Kamera und ausreichend Medikamenten im Gepäck ging es ans andere Ende der Welt. Schon im Flugzeug war jegliche Angst verflogen.

Seitdem war bei Rene die Reiselust geweckt. So oft es ging, reiste er mit seiner damaligen Freundin oder auch allein in die weite Welt: mit dem Rucksack oder einem gemieteten Camper durch die USA, zu Höhlenexpeditionen nach Vietnam oder im tiefsten Winter nach Island, um die Polarlichter zu erleben. Ob bei extremen Minustemperaturen im Camper zu übernachten oder im australischen Outback zu schlafen, wenn sich keine Mitfahrgelegenheit mehr bot – Rene ließ nichts aus. „Das klingt vielleicht leichtsinnig“, sagt er heute, „ich war aber immer gut vorbereitet“. Vor allem, dass er jederzeit und überall mit ausreichend Medikamenten gegen seine Epilepsie versorgt ist, darauf achtet er penibel. Je nach Reiseziel und Strecke hat er dabei ein beachtliches Päckchen zu tragen. Doch es ist ihm den Aufwand wert. „Diese Art zu reisen, abseits der Touristenpfade, bedeutet für mich Freiheit. Es reizt mich einfach, die Naturgewalten hautnah zu erleben und die eigenen Grenzen auszutesten.“

Ein Traum wird Wirklichkeit 

Um das Maximum an Freiheit und Natur zu erleben, wuchs in Rene der Traum, einmal die Panamericana-Route zu fahren – von Alaska bis hinunter nach Feuerland. Doch wie verwirklicht man einen Traum? Man macht den ersten Schritt. „Irgendwann habe ich mir gesagt: Wenn du davon träumst und nichts machst, dann bleibt es ein Traum. Deswegen habe ich mir ganz pragmatisch überlegt, was ich brauche, um den Traum umzusetzen. Das waren drei Dinge: ein Fahrzeug, Geld und den Mut, meinen Job zu kündigen.“

Als ersten Schritt kümmerte sich Rene um einen Wagen. Er entschied sich für einen VW T3 mit Allradantrieb, nach dem er ein geschlagenes Dreivierteljahr suchen musste, bis er einen in gutem Zustand fand. In der Zwischenzeit informierte er sich über die Einzelheiten der Strecke, knüpfte Kontakte zu Menschen, die die Tour schon bewältigt hatten und überschlug die Kosten für die Reise. „Bis ich das nötige Geld zusammen gehabt hätte, wären noch zwei bis drei Jahre ins Land gezogen“, musste Rene ernüchtert feststellen. So lange wollte er nicht warten. Er legte kurzerhand den großen Traum auf Eis und beschloss, direkt von der Haustür zu einer Tour quer durch Europa aufzubrechen.

 

„Was ich total unterschätzt hatte, war, dass das Reisen mit einem Fahrzeug einen Alltag hat, der sehr viel Zeit bindet.“

 

Mit dem Bulli durch Europa: 

„Auch die Freiheit hat einen Alltag“

Als der Entschluss feststand, kündigte Rene, ohne lange weiter darüber nachzudenken, seinen Job als Fotograf. Die sechs Monate Kündigungsfrist nutzte er, um den T3 herzurichten und seine Wohnung auszumisten. Im August 2016 ging es endlich los. Der grobe Plan für seine auf 18 Monate angesetzte Reise: erst Richtung Norden durch Norwegen und Schweden, im Herbst gen Süden nach Spanien, im Winter nach Marokko, im Frühjahr zurück über Portugal, Richtung Balkan, durch die Türkei, ums Schwarze Meer herum und dann Richtung Russland. Doch es kam alles ganz anders.

„Schon in Norwegen habe ich gemerkt, dass mir dieses schnelle Reisen gar nicht liegt“, erzählt Rene. Stattdessen blieb er hier und dort ein bisschen länger, lernte Menschen kennen, besuchte Freunde und Bekannte, nahm sich Zeit, die Landschaft abseits der Touristenpfade zu erkunden und Eindrücke unberührter Natur mit der Kamera einzufangen. So änderte er schon im Norden seine Route, und aus geplanten drei Wochen in Spanien wurden gleich drei Monate. „Was ich total unterschätzt hatte, war, dass das Reisen mit einem Fahrzeug einen Alltag hat, der sehr viel Zeit bindet. Man ist jeden Tag damit beschäftigt, sich zu organisieren: die Route für den Tag planen, einen Standplatz für die Übernachtung organisieren, den Wassertank nachfüllen, einen Waschsalon finden, Prepaidkarten beschaffen und und und.“

Als auch sein Aufenthalt in Marokko doppelt so lang wurde wie geplant, beschloss Rene, sich endgültig treiben zu lassen. Doch die Reise endete schneller als erwartet.

Horsts Absturz hoch oben in den Pyrenäen

Wieder zurück in Europa begleitete ein Freund Rene auf der Fahrt durch Nordspanien. An einem der höchsten Punkte der Pyrenäen nahe
der Grenze zu Andorra machten die beiden Halt, um einem liegengebliebenen Jeep wieder auf die Sprünge zu helfen. Abseits der Schotterstraße ging es stellenweise 1.000 Meter senkrecht in die Tiefe. Rene zog die Handbremse an, stieg aus und musste kurze Zeit später zusehen, wie sich sein Wagen plötzlich Richtung Hang verselbständigte, 250 Meter tief hinunterstürzte und sich dabei mehrfach überschlug.

„Meine größte Panik in dem Moment war, dass meine Medikamente im Wagen lagen.“ Doch Rene hatte Glück im Unglück: Das Paket mit der Medizin war – wie viele andere Dinge – aus dem Wagen gefallen und zu Fuß zu erreichen. Kamera und die Festplatte mit Hunderten Fotos von der Reise allerdings waren gut verstaut im Wagen. Den zu betreten war wegen der Hanglage zu gefährlich.

 

„Als das Problem mit den Medikamenten gelöst war, hatte ich nur noch zwei Gedanken: Erstens, wie kriegst du den Wagen hier raus, und zweitens, wie hoch ist der Aufwand, ihn wieder zu reparieren.“

 

Als er seine Gedanken wenig später auf seiner Facebook-Seite teilte, wurde er von den Reaktionen darauf schier überwältigt. „Ich bekam Hunderte von Nachrichten von Menschen aus der ganzen Welt – von Beileidsbekundungen bis hin zu konkreten Hilfsangeboten, Ersatzteile zu beschaffen oder sogar Geld zu leihen. Das hat mich sehr berührt.“

Schnell war klar, dass es unmöglich sein würde, den Bulli mit einem Fahrzeug herauszuziehen. Und so musste ein Hubschrauber ihn einige Tage später bergen. Kamera und Festplatten blieben unversehrt, der Bulli war in einem miserablen Zustand. Die Diagnose „Totalschaden“ wollte Rene jedoch nicht hinnehmen. Für ihn stand fest: „Ich baue den Wagen wieder auf!“

Inzwischen ist “Horst” wieder in Schuss und bereit für die nächste Reise: Einmal Mongolei und zurück . Wann es losgeht, steht allerdings noch in den Sternen. Rene hat sich erstmal ein ganz anderes Abenteuer vorgenommen: Die Gründung seines eigenen Unternehmens.