Amateurfußball als Streaming: 

Das Essener Start-up SoccerWatch zeigt unterklassige Spiele im Netz. Die Gründer rüsten Vereine mit einem eigens entwickelten Kamerasystem aus. Mit den Bildern wollen sie den Amateurfußball revolutionieren.  


Gastbeitrag: STEFAN KREITEWOLF

Sonntags auf’m Platz im Ruhrgebiet, Anpfiff in der Dortmunder Kreisliga, Rot-Weiß Barop gegen FC Hellweg Lütgendortmund: Direkt vom Anstoßpunkt zieht ein Lütgendortmunder Spieler ab. Von dort sind es 50 Meter bis zum gegnerische Tor. Und tatsächlich: Der etwas korpulente Keeper verschätzt sich, der Ball segelt über ihn hinein ins Tor. Der Ball zappelt im Netz. Ein Traumtor nach nur vier Sekunden. 

Was früher eine schöne Anekdote beim Belohnungsbier in der Vereinskneipe gewesen wäre, mutiert heute dank SoccerWatch zu einem viralen Video. Die Essener Gründer Georg Moser und Jan Taube bieten Amateurvereinen mit eigens entwickelten Kameras die Möglichkeit, ihre Spiele live im Netz zu streamen. Mithilfe Künstlicher Intelligenz (KI) verfolgen die Kameras, die häufig auf Höhe der Mittellinie an den Flutlichtmasten oder am Tribünendach installiert werden, das Spielgeschehen automatisch.

Seit 2017 hat die Streaming-Plattform mehr als 3.000 Fußballspiele von der Regional- bis zur Kreisliga übertragen. Für die Nutzung der Streamings müssen Fußballfans nichts zahlen, dafür aber Werbespots und -banner in Kauf nehmen. Amateurvereine zahlen knapp 100 Euro pro Monat für die Technik. „Sie können ihre Streams dann auch selbst mit der lokalen Sparkasse oder einem anderen Sponsor vermarkten“, erläutert SoccerWatch-Mitarbeiter Marlon Irlbacher. Die Vereine können soccerwatch.tv auch kostenlos nutzen, wenn ein Sponsor die Kosten für mehrere Vereine einer Stadt übernimmt.

„Der Kerngedanke war mal, die Spieler und die Familien zu erreichen“, sagt Gründer Taube. Die Idee zu SoccerWatch entstand, als der Mitvierziger nicht zu einem Spiel seines Sohnes kommen konnte und nach einer Lösung suchte, das Spiel aus der Ferne schauen zu können. „Mittlerweile nutzen uns aber auch Trainer zur Analyse, besondere Highlights werden auf Social Media geteilt.“

200 Kameras im Einsatz

Das Konzept kommt an. Bei den Vereinen ist SoccerWatch beliebt. „Aktuell liefern 200 Kameras von uns Bilder“, berichtet Irlbacher. Die Essener haben ehrgeizige Ziele: Bis Ende des Jahres will das Unternehmen 1.000 Kameras aufstellen. Unrealistisch ist das nicht. Bei dem Essener Unternehmen sind bereits 1.400 weitere Anfragen von Vereinen eingelaufen, die ihre Fußballplätze mit SoccerWatch-Kameras ausstatten wollen. 

Neben den Liveübertragungen bietet das Start-up auch Wiederholungen und Highlight-Videos an. „Mittlerweile haben wir auch ein eigenes Talkformat („Mettwoch von der Hafenstraße“) etabliert, das immer mittwochs die Geschehnisse des Wochenendes reflektiert“, sagt Irlbacher. Highlight-Videos, die von den Kameras automatisch generiert werden, sind wöchentlich die Topclips. 

Die Kameras entwickelt das Unternehmen selbst. Sie orientieren sich am Ball, können ein gesamtes Feld lesen und erkennen, in welchem Tempo die Spieler in welche Richtung laufen. Mithilfe einer 180-Grad-Linsentechnik wird das gesamte Spielfeld abgedeckt. „Dass wir ein Tor verpassen, passiert eigentlich nicht“, berichtet Irlbacher. In bestimmten Situationen kam es beim Prototypen allerdings vor, dass der ballführende Spieler nicht im Bild war. Auch Regentropfen oder Flutlicht hatten die Sicht behindert. 

Seit März haben die Essener aber ein neues Kamera-Modell aufgestellt. Irlbacher zufolge hat vor allem die KI dazugelernt: „Die Bildqualität ist nun deutlich besser.“ Das neue Kamerasystem soll Amateurspielern nun auch Daten wie Laufleistung, Zweikampfbilanz und Trackingwerte zur Verfügung stellen – ähnlich wie bei den Profis.

Was vielerorts nur eingefleischte Hardcorefans des lokalen Stadtteilvereins interessiert, sorgt über die Masse für ordentlich Traffic. „Unser größter Need ist Serverleistung“, sagt Irlbacher. Das sei außerdem der größte Kostenfaktor des Startp-ups. SoccerWatch rechnet mit durchschnittlich rund 800 Klicks pro Spiel. Es gab allerdings auch bereits 60.000 Zugriffe für ein Freundschaftsspiel mit Beteiligung des Schalke 04.

Kooperation mit dem DFB

Das interessiert seit Kurzem auch den Deutschen Fußballbund (DFB). Mit dem weltgrößten Fußballverband kooperiert das Unternehmen seit Februar. „Der DFB verlinkt auf seiner Internetseite auf unsere Übertragungen und bindet dort Tabellen und Statistiken ein“, sagt Taube. Für den Amateurfußball ist das gut; jegliche Art von Unterstützung dürfte den Vereinen gelegen kommen. Vielerorts fehlt es an Geldern, immer häufiger werden Mannschaften vom Spielbetrieb abgemeldet. Die Internetpräsenz könnte dem entgegenwirken. 

Bis zu 60.000 Partien finden im deutschen Amateurfußball an jedem Wochenende statt. Dem DFB zufolge sind es pro Jahr sogar 1,8 Millionen Fußballspiele. Bislang werden aber nur rund ein Prozent davon übertragen. Moser und Taube sehen darin großes Potenzial. „SoccerWatch soll bundesweit wachsen, wir führen dazu aktuell viele Gespräche mit den einzelnen Landes- und Kreisverbänden“, sagt Taube. Der Wachstumsmarkt Fußballstreaming ruft auch größere Player auf den Plan. So arbeitet SoccerWatch mit dem Mobilfunkanbieter Vodafone für das Streaming zusammen. Das IT-Unternehmen Adesso investiert bereits seit 2017 in SoccerWatch. 

Dem FC Hellweg Lütgendortmund hat SoccerWatch – zumindest im Spiel gegen Barop – nicht geholfen. Die Mannschaft wird sich an den Glücksschuss aus 50 Metern nicht so gern erinnern. Denn der Rest der Partie verlief glücklos. Sie ging 1:5 verloren. Das Tor bleibt – jederzeit online abrufbar.

 

 

SoccerWatch

Das Start-up wurde Anfang 2017 von Georg Moser und Jan Taube gegründet, im Oktober 2018 ist die Website erstmals online gegangen. Aktuell befindet sich soccerwatch.tv in der Beta-Phase, alle Spiele sind aber verfügbar. Das Unternehmen ist schnell gewachsen und verfügt mittlerweile über 45 Mitarbeiter und hat bereits 200 Kameras aufgestellt. Für 2019 ist das ehrgeizige Ziel, 1.000 Kameras zu installieren. 

Die bislang größten Zugriffszahlen gab es beim Testspiel von ETB Schwarz-Weiss Essen gegen Schalke 04 – mit 25.000 Zuschauern. Das Start-up arbeitet mit dem Mobilfunkanbieter Vodafone für das Streaming zusammen. Das IT-Unternehmen Adesso investiert bereits seit 2017 in SoccerWatch. Der größte Mitbewerber von Soccerwatch ist die Website „sporttotal.tv“. 

Mehr Infos: soccerwatch.tv