Zwischen Ruhr und Emscher ändert sich das Zusammenleben so stetig wie seine Bewohner. Zwischen Schlaglöchern, bröckelnden Fassaden und Leerstand blühen neue Initiativen wie das Fachgeschäft für Stadtwandel in Essen-Holsterhausen und die Urban-Farming-Initiative auf der Bonnekamphöhe in Katernberg auf.


Interview: STEFAN KREITEWOLF
Fotos: FRANK-LOTHAR LANGE

Das Ruhrgebiet blüht nach Jahrzehnten des Strukturwandels auf. Kulturhauptstadt, grüne Hauptstadt und steigende Einwohnerzahlen zeugen davon. Ihr habt dennoch vor Kurzem Initiativen gegründet, um das Zusammenleben in der Stadt zu verbessern. Was macht ihr genau und warum?

Ari Möllmann:Mit einem Team aus Ehrenamtlern haben wir im Dezember 2017 das Fachgeschäft für Stadtwandel eröffnet. Unser Ziel ist es, einen Ort zu schaffen, in dem wir sozial-ökologische Projekte gemeinsam verwirklichen können. Anwohner und Interessierte können immer gern vorbeikommen und auch selbst wirksam werden, sei es für Infoveranstaltungen, zum Elterncafé oder um beispielsweise ihr Fahrrad zu reparieren.

Jonny Schutty:Ich habe vor einiger Zeit ein Gelände gesucht, auf dem ich Permakultur machen konnte. Dazu habe ich mir Gemeinschaftsgärten angeschaut, aber das war mir alles zu klein. Irgendwann bin ich dann auf die Bonnekamphöhe in Katernberg gestoßen. Da habe ich mit einem 80 Quadratmeter großen Beet begonnen. Das hat super geklappt. Als der Vorsitzende der Bonnekamp-Stiftung den Gemüseanbau nicht mehr weitermachen wollte, habe ich das übernommen und einen Teil des Geländes gepachtet. Vor Kurzem habe ich mit einem Kumpel ein Unternehmen gegründet „Bonnekamp – Perma-Kultur Ruhr“. Seither machen wir Urban Farming und bauen nun auf 200 Beeten Obst, Kräuter und Gemüse an und verkaufen dieses als sogenannte „Gemischte Tüte“.

Warum habt Ihr Eure Initiativen gestartet? Was hat Euch dazu gebracht, einfach mal selbst etwas zu machen?

AM:Ich habe ganz klassische BWL studiert. Schon im Studium habe ich nach alternativen Wirtschafts- und Lebensweisen gesucht und bin auf das Master-Studium „Urbane Systeme“ gestoßen. Dadurch habe ich zunehmend verstanden, wie Städte funktionieren und was dem urbanen Raum eigentlich fehlt. Ein Ansatzpunkt liegt darin, die Lebensqualität durch Gemeinschaft zu steigern, und das wollte ich eben selbst machen und andere ebenfalls dazu motivieren. Deswegen habe ich das Fachgeschäft mitgestartet.

„EIN ANSATZPUNKT LIEGT DARIN, DIE LEBENSQUALITÄT DURCH GEMEINSCHAFT ZU STEIGERN UND DAS WOLLTE ICH EBEN SELBST MACHEN UND ANDERE EBENFALLS DAZU MOTIVIEREN. DESWEGEN HABE ICH DAS FACHGESCHÄFT MITGESTARTET.“

ARI MÖLLMANN,
FACHGESCHÄFT FÜR STADTWANDEL 

JS:Ich habe Molekularbiologie studiert, die stark darauf fixiert ist, der Menschheit durch gentechnisch modifizierte Organismen zu helfen, speziell durch genetisch „verbesserte“ Pflanzen. Nachdem ich mich viel mit globaler Umweltzerstörung, Gentechnik, Ernährung, Permakultur und biointensivem Anbau beschäftigt hatte, kam ich zu dem Entschluss, das Studium zu beenden, um das System, mit dem ich nicht einverstanden bin, aktiv zu verändern – und zwar durch eine Mischung aus biointensivem Anbau und Permakultur.

AM:Ich sehe durch mein Engagement auch, dass das, was ich tue, anderen Leuten guttut und das wiederum mir guttut.

JS:Bei mir ist es genauso: Die Bonnekamphöhe ist viel sinnstiftender als alles andere, was ich vorher gemacht habe. Viele Leute, die mir auf der Bonnekamphöhe helfen, wollen etwas selbst gestalten. Das fühlt sich gut an.

Was läuft denn Eurer Meinung nach schief im Ruhrgebiet?

AM:Naja, auch wenn im Ruhrgebiet der Strukturwandel relativ weit fortgeschritten ist, hängen die Leute an ihrer Bergbauidentität. Deswegen kann man hier nicht einfach eine neue Identität aufbauen. Vielmehr muss die Tradition eingebunden werden. Dabei ging es immer um das Kumpelhafte: dass man zusammensitzt, beieinander ist. Das können wir hier im Fachgeschäft ganz gut mit Zugezogenen und Alteingesessenen reproduzieren. Neben der ganzen Anonymität ist das vielleicht das, was richtig läuft, um Deine Frage mal anders zu beantworten. Was schiefläuft, ist, glaub ich, bekannt.

„PRINZIPIELL IST ES ABER NICHT SCHWER, SELBST ETWAS ZU    SCHAFFEN. DAS INTERESSE DER LEUTE IST DA. WIR KÖNNEN JEDOCH JEDE HELFENDE HAND GEBRAUCHEN. EGAL OB HANDWERKLICH, GÄRTNERISCH, PÄDAGOGISCHER ODER SOZIALER ART.“

JONNY SCHUTTY,
BONNEKAMPHÖHE

JS:Meiner Meinung nach läuft eine ganze Menge schief. In einem kapitalistischen System ist es normal, dass mehr Konkurrenz statt Zusammenarbeit existiert. Das versuchen wir auf der Bonnekamphöhe durch flache Hierarchien und Solidarität aufzubrechen. Viele Menschen führen ein von der Natur entkoppeltes Leben. Sie haben vergessen, dass sie Teil der Natur sind. Das sieht man im Insektensterben, in der Naturverschmutzung – auch im Ruhrgebiet. Wir wollen diesen Problemen etwas entgegensetzen und zeigen, dass es möglich ist, durch eine Mischung aus biointensivem Anbau und Permakultur gesunde Lebensmittel auch ohne Kunstdünger, Pestizide und Großmaschinen zu erzeugen.

AM:Das lässt sich auch auf das Thema Auto beziehen. Die Leute denken immer, sie benötigen mehr Platz für ihre Autos. Aber es gibt auch andere Lösungen, wie das Lastenfahrrad. Das kann man sich bei uns übrigens ausleihen, um schnell mal einkaufen zu gehen.

Erfahrt Ihr Unterstützung von Stadt, Land und regionalen Unternehmen? Wenn ja, welche?

AM:Wir werden von Beginn an durch das Förderprojekt „Energie fürs Quartier“ von Dynamis in Kooperation mit der Stiftung Mercator unterstützt, später ist dann noch das Jugendamt Essen dazugekommen.

JS:Wir werden gar nicht gefördert. Leider nicht. Am Ende ist das aber auch ok. Die Arbeitskraft, die ich in die Beantragung von Fördermitteln stecken würde, wende ich lieber für das Business auf. Ich merke, es läuft so gut, dass wir das durch gutes Teamwork kompensieren können.

Ist es einfach, im Ruhrgebiet selbst etwas zu gestalten? Oder hattet Ihr auf dem Weg zur Realisierung Eurer Ideen Schwierigkeiten zu bewältigen?

AM:Mit den Projekten, die ich seit sechs Jahren innerhalb der Transition-Town-Bewegung und mit dem Verein Initiative für Nachhaltigkeit umgesetzt habe, können wir viel im Kleinen machen, weil wir es einfach – fast selbstverständlich – tun. Als Graswurzelbewegung legen wir dann einfach los. Wir hatten auch Glück, dass wir durch viele helfende Hände, immer schnell Dinge realisieren konnten. Für die Stadtverwaltung ist es schwierig solche Themen niedrigschwellig anzugehen und sie kennt sich damit nicht aus. Sonst macht es keiner, also sind wir am Start. Unterstützung und Zusammenarbeit auf den verschiedenen Ebenen ist aber wichtig, beim Fachgeschäft unterstützt uns zum Beispiel das Jugendamt der Stadt Essen.

JS:Als Marktgärtner mit unter einem Hektar Anbaufläche, die auf Permakultur setzen, sind wir so exotisch, dass wir nicht gefördert werden. Es gibt schlicht keine Formulare für das, was wir tun. Der Vorstand der Bonnekamp-Stiftung versucht damit Lobbyarbeit etwas zu entwickeln, aber die Mühlen der Bürokratie mahlen langsam. Prinzipiell ist es aber nicht schwer, selbst etwas zu schaffen. Das Interesse der Leute ist da. Wir können jedoch jede helfende Hand gebrauchen. Egal ob handwerklich, gärtnerisch, pädagogischer oder sozialer Art – wir haben viele Projekte an denen wir werkeln um unsere Infrastruktur aufzubauen und effizienter zu werden. Man muss halt wirklich machen. Machen ist wie wollen – nur krasser.

Was ist Eure Zukunftsperspektive für das Ruhrgebiet? Gibt es irgendetwas, was Ihr Euch für die Menschen zwischen Ruhr und Emscher wünscht? 

AM:Wir wollen Netzwerke in der Stadt schaffen. Das Ladenlokal hat das Ziel, herauszufinden, wie es in Essen in einem stark verdichteten Stadtteil wie Holsterhausen möglich ist, das Zusammenleben zu integrativ verbessern und die Lebensqualität durch Impulse aus dem Bereich Nachhaltigkeit zu steigern.

JS:Ich will den Leuten zeigen, dass es möglich ist, auch mit einer kleinen Fläche viele Menschen mit gesunden Lebensmitteln zu versorgen, und dass man davon ein Einkommen erzielen kann, von dem man gut leben kann. Es ist wichtig, dass die Leute sehen: Es ist möglich einer sinnstiftenden Arbeit nachzugehen – gerade in Sachen Urban Farming.

AM:Außerdem ist die Selbstaktivierung der Nachbarn und Einwohner der Stadt wichtig. Sie müssen begreifen, dass sie selbst aktiv werden müssen, um etwas zu verändern.