Dem Ruhrgebiet fehlt eine Gründerkultur: Die Initiative Start-up Teens will das ändern und jungen Menschen zum Gründen animieren.


Von STEFAN KREITEWOLF

„Klatsch“: Ein großes Scheppern setzte in Mohamad Ali Mohamad, genannt „Mo“, eine folgenschwere Idee frei. Die Szenerie: das Kinderzimmer eines Freundes. Das Problem: Sein Kumpel hatte bei einem Online-Videospiel gegen einen übermächtigen Gegner verloren – wieder einmal. „So ging das ständig“, erzählt Mo. „Und irgendwann warf er den Controller an die Wand“, berichtet der 17-Jährige. Das war im Frühjahr 2018. „Klar, erstmal ist das eine übermäßige Reaktion“, sagt der Deutsch-Syrer. Doch ein Gutes hatte der Wutausbruch: Mo ging das Erlebte nicht mehr aus dem Kopf.

Wenige Tage später stolperte er über eine Werbung für die Dating-App Tinder. Die Idee, mit einem simplen Wischen auf dem Smartphone geeignete Partner zu favorisieren und andere auszusortieren, gefiel ihm. „Das müsste doch auch für Gamer gehen“, grübelte er. Und so wart die Idee, eine digitale Plattform fürs Zocken zu entwickeln, geboren. „Tinder für Gamer“ beschreibt Mo seinen Einfall, der mittlerweile als „MatchIT“ in einen Businessplan umgewandelt wurde.

STÜRMISCHE WELT: UNTERNEHMERTUM

Mo, der 2010 mit seiner Familie aus Syrien nach Deutschland kam, suchte nach Unterstützung für jugendliche Gründer. Bei den „Start-up Teens“ fand er sie. Die Initiative hat es sich zur Aufgabe gemacht, Jugendliche zu ermutigen, eine Firma zu gründen, und sie auf dem Weg dorthin zu unter-stützen. Für Nordrhein-Westfalen und das Ruhrgebiet ist Jochen Heimann bei der bundesweit agierenden Initiative zuständig. Der Mitdreißiger aus Hamm weiß: „Jugendliche orientieren sich an Vorbildern. Wir bringen Schülerinnen und Schüler mit spannenden Unternehmen in Kontakt.“

Wie entwickle ich eine Geschäftsidee? Wie stelle ich ein Gründerteam zusammen? Wie finanziere ich mein Start-up, und welche Fähigkeiten brauche ich, um es zu führen? Das seien Fragen, die immer wieder im Zusammenhang mit einer Business-Idee aufkämen.

„JUGENDLICHE ORIENTIEREN SICH AN VORBILDERN. WIR BRINGEN SCHÜLERINNEN UND SCHÜLER MIT SPANNENDEN UNTERNEHMEN IN KONTAKT.“

JOCHEN HEIMANN,
START-UP TEENS

Heimanns Initiative gibt Antworten und bietet mit Mento-ring-Programmen, Workshops und Eins-zu-eins-Beratung einen Kompass in der stürmischen Welt des Unternehmertums. Tutorials und ein einzigartiges Mentoring bietet die Initiative online – per Video oder Chat. „So erlangen Jugendliche das nötige Handwerkszeug für ihre Business-Idee – vor allem geht es uns aber um unternehmerisches Denken und Handeln, egal ob als Gründer, Unternehmensnachfolger oder Intrapreneur“, sagt Heimann.

„SCHEITERN IST ERLAUBT“

Wie hilfreich gerade der Austausch für Jung-Unternehmer ist, spürt man an einem Samstag Ende Januar. Beim sogenannten „Ideen-Camp“ treffen im ostwestfälischen Soest 15 junge Gründer auf ebenso viele Mentoren und entwickeln gemeinsam erste Geschäftsideen. Der Satz, den man an diesem Nachmittag in verschiedenen Abwandlungen am häufigsten hört, lautet: „Scheitern ist erlaubt.“ Denn nicht immer klappt alles so, wie sich die Jungunternehmer das vorstellen. Vielmehr gehe es darum, die jungen Gründer zu ermutigen, selbst etwas auf die Beine zu stellen und mutig zu sein, sagt er. Dass Scheitern nicht schlimm ist, ist für viele Schüler, deren Leistung mit Noten gemessen wird, neu.

Auch für Mo war der Druck, direkt erfolgreich zu sein, am Anfang hoch. „Aber die Start-up Teens haben mir geholfen, entspannter an die Sache heranzugehen“, sagt Mo. Seit Oktober bringt er sich selbst das Programmieren bei. „Ich bin gerade auf der Suche nach Mitstreitern“, sagt Mo, der selbst kein Gamer ist. Am liebsten will er gemeinsam mit anderen jungen Gründern seine Idee weiterentwickeln.

ETWAS „EIGENES“ AUFBAUEN

Sein Eifer und seine Einsatzbereitschaft haben seine beiden Mentoren überzeugt. Antonia von Preysing, die sich für digitale Bildung von Kindern engagiert, und Finanzexperte Oliver Würtenberger sind von Mo schwer beeindruckt: „Der Drive und Enthusiasmus, mit dem Mo die Dinge angeht, ist wirklich bemerkenswert! Er ist wahnsinnig wissbegierig und umsetzungsstark – ideale Voraussetzungen, um ein erfolgreiches Business aufzuziehen“, lobt von Preysing. Auch schwierige Situationen meistere Mo problemlos. Würtenberger, der auch als Business Angel aktiv ist, ist sich sicher, „dass Mohamad einmal Erfolg haben wird“.

„DER DRIVE UND ENTHUSIASMUS, MIT DEM MO DIE DINGE AN-GEHT, IST WIRKLICH BEMERKENSWERT! ER IST WAHNSINNIG WISSBEGIERIG UND UMSETZUNGSSTARK – IDEALE VORAUSSETZUNGEN, UM EIN ERFOLGREICHES BUSINESS AUFZUZIEHEN.“

ANTONIA VON PREYSING,
START-UP TEENS

Bei den Start-up Teens gehe es allerdings nicht um sofortigen Erfolg. Vielmehr sei die Erfahrung einer Geschäftsgründung für die Jugendlichen wertvoll. „Einen Businessplan zu erstellen und sich mit allem, was mit der Gründung und dem Auf bau eines Unternehmens einhergeht, auseinanderzusetzen, ist wie eine Reise durch die Betriebswirtschaft“, sagt Würtenberger. Auch wenn eine Idee nicht sofort funktioniere, verschwende man keine Zeit. „So lernt man Dinge, die einem in der Zukunft sicher von Nutzen sein werden.

„EINEN BUSINESSPLAN ZU ERSTELLEN UND SICH MIT ALLEM, WAS MIT DER GRÜNDUNG  UND DEM AUFBAU EINES UNTERNEHMENS EINHERGEHT, AUSEINANDERZUSETZEN, IST WIE EINE REISE DURCH DIE BETRIEBSWIRTSCHAFT.“

OLIVER WÜRTENBERGER,
MENTOR UND FINANZEXPERTE

Mo will „auf jeden Fall etwas Eigenes auf bauen“. Irgendwann soll sein Start-up durch die Decke gehen. „Dann gern mit einem großen Knall“, sagt er und lächelt verschmitzt

DIE INITIATIVE

 Die Initiative „START-UP TEENS“ ist die erste Online-Plattform in Deutschland, die Jugendliche zu Start-up-Gründern ausbildet. Die Basis dafür sind vier Bausteine: Events für junge Gründer, Online-Training, ein Mentoring-Programm sowie ein Businessplan-Wettbewerb. Unternehmer, die bei den „Start-up Teens“ mitwirken sind unter anderem der Ex-Fußballprofi Philipp Lahm, die Fox-and-Sheep-Gründerin Verena Pausder sowie Henkel-Chef Karl-Erivan Haub. Des Weiteren geben sich bei der Initiative große deutsche Unternehmen die Klinke in die Hand: Die Commerzbank, Daimler, Flixbus und Facebook sind nur einige der Unterstützer. Am 25. März steht der nächste Workshop der Start-up Teens an.

Mehr Infos bietet die Homepage: www.startupteens.de