„Es ist normal verschieden zu sein“, sagt Christian Eggers. Er  bietet  psychisch kranken  Kindern,  Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit seiner Stiftung Hilfe. Warum Heilung nur gemeinsam gelingen kann, erläutert er im Interview.


Interview: IGOR ALBANESE
Fotos: Igor Albanese, Christoph Bubbe

Herr Eggers, nicht jeder wird das Krankheitsbild schizophrene Psychose kennen. Was verstehen Sie darunter?

Die Schizophrenie ist die schwerste psychische Erkrankung, die wir kennen. Etwa bei einem Drittel der Erkrankten besteht die Gefahr bleibender und gravierender psychosozialer Beeinträchtigungen. Das wiederum bedeutet, dass es den Betroffenen verwehrt bleibt, ein selbstverantwortliches Leben zu führen und ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen. Das ist ein Grund für die hohe Selbstmordgefahr, vor allem zu Beginn der Erkrankung: In dieser Phase nehmen sich zehn Prozent das Leben! Um das zu ändern, haben wir ein pädagogisch-therapeutisches Wohnprojekt geschaffen, in dem die Betroffenen zwei Jahre lang intensiv betreut werden mit dem Ziel der allmählichen Verselbstständigung.

Wie entstand die Idee, eine Stiftung zu gründen?

Es hat sich im Klinikalltag gezeigt, dass eine mehrwöchige stationäre Behandlung junger Menschen, die an einer schizophrenen Psychose erkrankt sind, nicht ausreicht, um die Betroffenen hinreichend zu stabilisieren. Zu Hause fallen viele wieder in ein tiefes Loch und werden rückfällig.

Können Sie das Wohnprojekt und das Ziel, das Sie damit verbinden näher beschreiben?

Das heißt, die jungen Menschen sollen in die Lage versetzt werden, ein eigenständiges und ihren Bedürfnissen und Zielen entsprechendes Leben zu führen. Da hierfür ein Zeitraum von zwei Jahren in der Regel nicht ausreichend ist, können die jungen Leute in den von uns gegründeten WGs in Essen und Düsseldorf oder in einer eigenen Wohnung weiter betreut und bei ihren Bemühungen um schulische, berufliche und soziale Integration unterstützt werden.

Warum ist es für die Jugendlichen oft schwierig, einen Schulabschluss zu erwerben?

Aufgrund ihrer Erkrankung, die mit häufigen Fehlzeiten in der Schule einhergeht, sowie der krankheitsbedingten kognitiven Einschränkungen ist es den Betroffenen nicht möglich, im regulären Zeitraum zu einem adäquaten und ihrer Grundintelligenz entsprechenden Schulabschluss zu gelangen. Deshalb haben wir in Zusammenarbeit mit der VHS Essen einen speziellen Lehrgang geschaffen, der es den Betroffenen ermöglicht, die Fachoberschulreife zu erwerben und darauf aufbauend den weiteren schulischen oder berufl ichen Werdegang zu planen. Einigen ist es möglich, das Abitur zu machen oder sogar ein Studium zu absolviere.

Der Schulabschluss ist ein Aspekt. Mit welchen Problemen müssen sich die Betroffenen noch auseinandersetzen?

Ein großer Hemmschuh, Ihre Ziele zu erreichen, ist die weit verbreitete Stigmatisierung und Diskriminierung von psychisch Kranken, speziell solchen, die an einer schizophrenen Psychose leiden. Auch heute ist es schwierig für die Betroffenen, einen Ausbildungsplatz oder nur eine Wohnung zu finden! In einer repräsentativen Befragung von über 100 Normalbürgern wurde die diskriminierende Einstellung deutlich: Auf die Frage, bei welcher Krankheit nicht gespart werden sollen, rangierten Krebs, Aids und Herzkreislauferkrankungen an erster und die Schizophrenie an allerletzter Stelle! In einer Online-Befragung, an der 500 Menschen mit Schizophrenie aus 40 Ländern teilgenommen haben, gaben 64 Prozent der Befragten an, dass die Erkrankung sie aus der Gemeinschaft ausgrenze! Sie gaben aber auch an, dass für sie eine Teilnahme an der Gesellschaft wichtig sei!

 

„ES IST WICHTIG, DIE BETROFFENEN IN IHRER INDIVIDUELLEN WESENSART ZU VERSTEHEN UND ZU AKZEPTIEREN! ES GEHT DARUM, IHNEN WERTSCHÄTZEND, EINFÜHLSAM UND RESPEKTVOLL ZU BEGEGNEN.“

 

Können Sie diese Resonanz ein Stück weit verstehen oder erklären?

Der Schizophrene wird als anders- oder fremdartig erlebt und deshalb ausgegrenzt. Diese Ausgrenzung verstärkt die ohnehin vorhandene Einsamkeit des Betroffenen und vermehrt sein Leiden! Ein Grund für die Ausgrenzung und Diskriminierung ist die Seelenblindheit, die den Ausgrenzenden zu seinem Tun verleitet. Er ist blind, weil er nicht wahrnimmt, nicht spürt, nicht sieht, nämlich das ganz Besondere, Einmalige des schizophren genannten Menschen: seine Sensibilität, seine Kreativität, seine Leidensfähigkeit, vor allem seine Fähigkeit, anders zu sein, anders zu denken, anders wahrzunehmen und anders zu empfinden als der „Normale“.

Die „Normalen“ sind also überkritisch?

Lassen Sie es mich so sagen, in der Entwertung steckt letztlich Neid und Missgunst. Man gönnt dem Anderen nicht, ein eigener Mensch zu sein mit speziellen Eigenheiten. Ein solcher Mensch muss von Menschen mit einem schwachen Selbst abgewehrt werden. Das Anderssein kann nicht zugelassen und ausgehalten und muss deshalb abgelehnt und verfolgt werden.

Was bedeutet diese negative Einstellung für die Betroffenen?

Dass die Betroffenen die stigmatisierende Einstellung ihrer Umgebung übernehmen, dass es also zu einer Art Selbst-Stigmatisierung kommt. Das schwächt teufelskreisartig das ohnehin schlecht ausgeprägte Selbstwertgefühl der Betroffenen und macht sie anfällig für Misserfolgserlebnisse und Versagensängste und ist mit der Gefahr einer Verschlimmerung ihres Leidens verbunden.

Was muss sich ändern und wie geht ihre Stiftung mit der Problematik um?

Es ist wichtig, die Betroffenen in ihrer individuellen Wesensart zu verstehen und zu akzeptieren! Es geht also darum, ihnen wertschätzend, einfühlsam und respektvoll zu begegnen! Ein wichtiger Grundsatz, der uns dabei helfen kann ist. Es ist normal, verschieden zu sein.

Zur Person

Prof. Dr. Christian Eggers arbeitet an der Erforschung des Verlaufs, der Ursachen und der Therapie schizophrener Psychosen. Der ehemalige Direktor der Kinder- und Jugendpsychiatrie des LVR-Klinikums Essen der Universität Duisburg-Essen ist Vorstand der Eggers Stiftung.