Die Klischees von Kohle und Stahl sind längst überholt. In den vergangenen Jahren hat ein grundlegender wirtschaftlicher und mentaler Wandel begonnen. Die Metropole Ruhr verändert sich nachhaltig.


Text: JOCHEN WERNER
Illustration: ISABELL ALTMAIER

 

Als „Zugereister“ spüre ich den Aufbruch in die Zukunft. Vor über 50 Jahren gab es hier mehrere Hunderttausend Kumpel und keine Studenten. Heute ist es umgekehrt. Der Strukturwandel ist längst in vollem Gange. Natürlich darf man nicht vergessen, dass was heute als „alt“ gilt, zu Blütezeiten modern und seiner Zeit voraus war – sei es bei Kohleförderung, Stahlerzeugung und anderen Industrien. Insofern wehre ich mich gegen das Image einer abgehängten, rückwärtsgewandten Region. Denn: Das Gegenteil ist richtig. Die Menschen hier waren Ihrer Zeit schon immer voraus. Und das betrifft nicht nur den wirtschaftlichen Aspekt, sondern auch das Leben in einer modernen und offenen Gesellschaft.

Das Modewort „Diversity“ musste für das Ruhrgebiet nicht erfunden werden, weil das Revier schon immer Schmelztiegel und Integrationsmaschine für unterschiedlichste Menschen und Kulturen war. In dieser Gemeinschaft  wurde  nie darauf  geachtet,  woher jemand  kommt, sondern immer, was er leistet und wie er sich einbringt.

Schmelztiegel und Integrationsmaschine

Aber ich will auch nicht schönfärben: Die Welt wandelt sich drama-tisch,  und die  Region  benötigt ein  neues  Geschäftsmodell.  Das Ruhrgebiet will nach vorne und sich lösen aus dem Kreislauf von Abhängigkeit, Bemitleidung und Alimentierung von außen. Das spüre ich jeden Tag. Die Zukunft der Region liegt in der Modernität, in Innovationen und Kreativität. Dazu braucht es Schlüsselindustrien, so wie es früher Kohle und Stahl waren.  Der  wichtigste Wirtschaftszweig  in  modernen Industriegesellschaften ist das Gesundheitswesen. Allein in Deutschland werden in dieser Branche – je nach Definition – jährlich zwischen 250 und 400 Milliarden Euro umgesetzt. Und dies weitgehend konjunkturell unabhängig mit modernen, zukunftsfesten Arbeitsplätzen. Die Gesundheitswirtschaft wird im Ruhrgebiet von morgen eine überragende Rolle spielen.

Allein in Essen arbeiten heute über 45.000 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte in diesem Bereich, der in seiner Bedeutung Kohle und Stahl längst abgelöst hat.  Die Universitätsmedizin Essen spielt in diesem Kontext eine wichtige Rolle. Wir begreifen die Digitalisierung als große Chance, im Herzen des Ruhrgebietes das Krankenhaus der Zukunft zu realisieren. Mit dem Einsatz künstlicher Intelligenz, der Umsetzung neu-ester Forschungsergebnisse in die Krankenversorgung und einer engen Zusammenarbeit zwischen allen medizinischen Disziplinen und  unseren  Standorten.

Dieser  Transformationsprozess  der Universitätsmedizin  Essen  zum Smart  Hospital  ist kein Selbstzweck, sondern verfolgt zwei wesentliche Ziele: Das Wohl der Patienten noch stärker in den Mittelpunkt zu stellen und gleichzeitig  verbesserte Arbeitsbedingungen für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu schaffen. Es geht auch darum, das höchste  Gut eines  Unternehmens,  die Human  Resources,  in ihrer  herausragenden Bedeutung wertzuschätzen und weiter zu entwickeln.

Dies alles kann nur gemeinsam erreicht werden. Vor allem in enger Kooperation mit der Stadt Essen, die klar erkennt, welche zentrale Rolle die Gesundheitswirtschaft und die Universitätsmedizin beim Strukturwandel spielen.

Ich gehe mit meiner Familie, mit Freunden und mit Gästen sehr gerne zur Zeche Zollverein, zum Gasometer in Oberhausen oder zum Landschaftspark Nord in Duisburg und staune über die Dimensionen der alten Industrien. Aber als Vorstandsvorsitzender der Universitätsmedizin Essen setze ich alles daran, unser Unter-nehmen neben den alten Fördertürmen zum Leuchtturm der Zukunft  zu machen  und  mitzuhelfen, dem  Ruhrgebiet  und seinen  Menschen eine Perspektive, Arbeit und letztlich eine neue Identität zu geben.

Zur Person

Prof. Dr. Jochen A. Werner, geboren in Flensburg, ist seit 2015 Ärztlicher Direktor und Vorstandsvorsitzender der Universitätsmedizin Essen.

Isabell Altmaier arbeitet als freie Illustratorin in Leipzig. Ihre Heimat ist Duisburg und das Ruhrgebiet. Mehr Infos hier: www.isabellaltmaier.de