Beim TC Freisenbruch ist alles etwas anders als bei anderen Fußballvereinen. Beim Essener Kreisligisten stimmen Online-Manager über Aufstellung, Taktik und Transfers ab – wie in einem Computerspiel. Ein Sonntag auf’m Platz.


TC Freisenbruch: Fuppes aus der Crowd

Text: Stefan Kreitewolf
Fotos: Petra Mittelstaedt, Michael Graefen

An einem Sonntagmorgen Ende September staubt die Asche rot. Es ist ungewöhnlich trocken und heiß für diese Jahreszeit. Am Waldmannsbusch im tiefsten Essener Osten rollt der Ball – natürlich auf Asche. Neben den bei Kickern verhassten kleinen Steinchen prägen verbeulte Schilder, abbröckelnder Putz und eine überdachte Terrasse, die in liebevoller Übertreibung „Tribüne“ genannt wird, das Stadion des Essener Kreisligisten TC Freisenbruch.

(Foto: Petra Mittelstaedt)

Die erste Mannschaft spielt. Circa 200 „Fans“ – zumeist Rentner und Nachbarn aus den umliegenden Mietskasernen – folgen dem Spiel auf der Tribüne.

Plötzlich klatscht der Ball an die Latte. Ein korpulenter Kicker klärt den Abpraller und räumt den Gegenspieler gleich mit ab. Kleine Körner kratzen die Knie der Kicker auf. Oben auf der „Tribüne“ gibt’s Ärger: „Hömma, Du Heiopei, bisse bescheuert, oder wat“, grunzt ein Mann mit schütterem Haar und Bierbauch.

„Wat denn“, fragt ein anderer, der offenbar zur gegnerischen Mannschaft hält. Kurzes Abchecken, Gelächter und weiter geht’s. „Allet halb so schlimm, ne“, sagt einer der Streithähne, setzt sich auf einen weißen Plastikstuhl und knackt um elf Uhr morgens sein zweites Pils. Mehr Ruhrpott geht nicht.

„Jeden Sonntach sind wa hier, näch“, sagen die alten Traditionsfans im Singsang der Kumpel, für die das noch eine Berufsbezeichnung war. Die „Alten“, wie sie von den Spielern genannt werden, sind entspannt. Mit ihrem Verein, dem TC Freisenbruch, haben sie gute und schlechte Zeiten erlebt.

(Foto: Petra Mittelstaedt)

Der Essener Kreisligist steht mittlerweile wieder gut da – dank Peter Wingen. Der sieht die Szene auf dem Platz und die Reaktion auf der „Tribüne“ und lächelt in sich hinein. Im „Bergmannsbusch“, wie die Sportstätte des TC Freisenbruch heißt, ist der eher introvertierte 34-Jährige auch bei den „Alten“ bekannt.

„Die Community wächst“

Wingen ist Web-Entwickler. Mit dem TC Freisenbruch arbeitet er zusammen an einem realen Online-Management-Spiel. Wingen erläutert: „Für fünf Euro im Monat kann sich jeder bei uns als Manager anmelden.“

Kicken aus der Crowd: Per Voting entscheidet die Community dann über Aufstellung, Taktik, Transfers und Eintrittspreise. „Der Trainer ist auch in Sachen Taktik und Aufstellung an die Abstimmung der Mitglieder gebunden“, sagt Wingen, der das Projekt gemeinsam mit Gerrit Kremer und Peter Schäfer entwickelte.

Die Idee ist keine Weltneuheit. Ein ähnliches Projekt beim englischen Ebbsfleet United hatte zwischenzeitlich 30.000 Nutzer. Das Interesse ist aber abgeebbt. In Deutschland konnten Fußballnerds bei „Deinfußballclub“ – einem Projekt, das 2009 bei Fortuna Köln mithilfe des Sommermärchen-Regisseurs Sönke Wortmann startete – ihre Managementfähigkeiten unter Beweis stellen. Drei Jahre später scheiterte das Projekt allerdings. Im Essener Osten ist das nicht absehbar. „Im Gegenteil: Die Community wächst“, sagt Wingen.

„Ein Freisenbruch-Trikot hat es bereits bis nach Australien geschafft.“ Peter Wingen

Die besondere Mischung aus Schweiß, Dreck, Blut und Asche zieht immer mehr Nutzer in seinen Bann. Der „Bergmannsbusch“ ist einer von sieben verbliebenen Essener Fußballplätzen mit den kupferfarbenen Körnchen. „Das macht ja den gewissen Charme aus“ sagt Wingen, der das Projekt in seiner Freizeit betreut. Für ihn gibt es viel zu tun.

Über jedes Spiel informiert ein Liveticker, Interviews mit dem Trainerteam finden mehrmals wöchentlich statt, neue Spieler müssen vorgestellt, Transfers vorbereitet und neue Online-Manager begrüßt werden. Mittlerweile kommen die aus der ganzen Welt. „Ein Freisenbruch-Trikot hat es bereits bis nach Australien geschafft“, erzählt Wingen.

Für den Essener Stadtteilverein war dieser Hype nicht absehbar. Das Stadion marode, die Kassen leer, die Mitgliederzahl stark schrumpfend: Der Traditionsverein von 1902 stand 2015 vor dem Aus, kaum jemand engagierte sich mehr für den alten TCF.

(Foto: Petra Mittelstaedt)

Dann kamen Wingen und sein Team. „Das war finanziell die Rettung“, sagt Karl-Heinz Fahnenstich, einer der Alteingesessenen von der „Tribüne“. Der Rentner kickte bereits 1947 als Kind für den Verein. Online ist er der älteste Mitspieler. „Schön zuhause auf dem Tablet – da gucke ich mir alles an“, sagt Fahnenstich.

Magnet für gute Spieler

Sportlich betrachtet hat sich Wingens Einstieg ausgezahlt. Dem Charme des neuen Konzepts sind neben den Online-Managern nämlich auch viele Spieler aus den konkurrierenden Klubs erlegen. „Teilweise sind die Jungs aus der Verbandsliga und der Bezirksliga zu uns gewechselt“, berichtet Wingen.

Bis vor einem Jahr wurde die Freizeitkicker-Mannschaft sogar von einem echten Profi trainiert: Mike Möllensiep. Der Ex-Schalker gewann Mitte der 1990er-Jahre als Spieler den Uefa-Pokal und coachte den TC Freisenbruch in der vergangenen Saison zum Aufstieg. Wingen kannte „Mölle“, wie er von seinen Spielern genannt wurde, privat und konnte ihn von dem Projekt überzeugen.

Das Training habe sich seitdem professionalisiert, sagen die Spieler. „Mölle“ ist zwar nicht mehr da und der Durchmarsch durch die unterklassigen Ligen hat auch nicht auf Anhieb geklappt, dennoch sehen die Freisenbrucher wieder positiv in die Zukunft – dank 577 Online-Managern.