Mike Litt: „Ich brauche ein Team“ #Interview

Mike Litt: „Der einsamste DJ der Welt“ im Interview

Interview: Igor Albanese
Fotos: Frank Lothar Lange

Mike Litt ist „der einsamste DJ der Welt“: Seit 20 Jahren sitzt er jeden Heiligabend allein im 1Live-Radiostudio. Außerdem produziert er elektronische Musik und schreibt autobiografische Romane. Er arbeitet gerne für sich – und gleichzeitig geht ihm nichts über den Kontakt zu Kollegen und Publikum.


Wenn du im Radio moderierst, sprichst du für bestimmte Personen oder einfach für Millionen Menschen?

Das ist schwer zu erklären! Ich habe vor Jahren einen Satz von Götz Alsmann im Radio gehört, der mich beeindruckt und geprägt hat. Er meinte: Egal, ob du schon lange dabei bist und viel Erfahrung hast – du brauchst immer so zehn, zwanzig Sendungen, bis du für ein neues Format deine Stimme gefunden hast.

Letztendlich bist du immer in einer Art Rolle. Der„einsamste DJ der Welt“ hat einen bestimmten Tonfall. Und auch das, was ich in Sachen Literatur über die Jahre gemacht habe, hatte einen bestimmten Tonfall.

Haben deine verschiedenen Tonfälle etwas gemeinsam?

Was für mich immer wichtig ist und wo ich auch immer wieder höre, dass ich mich damit von anderen unterscheide, ist, dass ich nicht mit Druck oder total überambitioniert verkünde, dies oder das sei jetzt das Beste von gestern, vorgestern und übermorgen.

Ich versuche lieber, ein Thema immer da zu erwischen, wo es mich selbst berührt. Wo ich also in der Hoffnung bin, den Hörer wie einen guten Freund mitzureißen und ihn ebenfalls zu begeistern.

Bekommst du dazu Rückmeldungen?

Viel mehr als früher! Wir leben in einer digitalen, vernetzten Welt, da bekomme ich viele Reaktionen auf meine Sendung, zum Beispiel über Twitter, in Echtzeit mit. Da sind erfreulicherweise überwiegend schöne, nette Worte dabei.

Natürlich äußern sich aber auch Leute, denen ich nicht gefalle, damit muss man leben können. Es gibt Menschen, die hätten da lieber einen Dampfplauderer, und das bin ich nicht. Aber das ist okay. Es wäre irgendwie auch nicht richtig, nur Zuspruch zu bekommen.

Kannst du in deinen Sendungen selbst entscheiden, welche Musik du spielst?

Grundsätzlich entscheidet das die Redaktion. Aber ich kann mir immer auch einige Stücke mit in die Sendung nehmen, über die ich speziell reden möchte.

Bist du auch eine Art Hitmacher? Also: Könntest du jemandem über Nacht zum Erfolg verhelfen?

Das könnte schon sein. Unveröffentlichte Songs zu spielen, ist immer spannend – ich habe das früher bei 1Live manchmal gemacht. Zum Beispiel war ich der Erste, der im Radio „9PM (TilI I Come)“ von ATB gespielt hat.

Er kam mit einer selbstgebrannten CD zu mir ins Studio. Den Song kannte noch keiner. Er wurde ein Welthit. ATB hatte damals schon einen gewissen Ruf, so als Bochumer Junge, man war stolz auf ihn. Aber das war noch nicht die Weltkarriere. Wir bekamen damals mit der Sendung „Partyservice“ bei 1Live große Aufmerksamkeit und das Lied ist durch die Decke gegangen.

Du bist nicht nur Radio-, sondern auch Bühnenmoderator…

Stimmt, ich mache sogar verhältnismäßig viel Bühnenmoderation. Ich bin kein Eins-A-Entertainer, aber dieses Bühnen-Ding liegt mir schon auch. Ich bin ja auch häufig als DJ aufgetreten.

Ich spreche auch gerne zu Publikum, und da weiß ich, wie wichtig es ist, zu den Menschen eine Verbindung aufzubauen. Ich versuche dann immer, ein Gesicht zu erwischen, mit dem ich glaube, eine Verbindung zu haben. Das macht es mir dann leichter, von der Bühne aus mit Menschen zu reden.

Eine Zeitlang hatte ich immer einen ganz irren Typen im Publikum, bei dem ich gesehen habe, der ist total crazy. Ich war dann immer froh, diesen speziellen Menschen an meiner Seite zu haben. Ich wusste: Das ist mein guter Geist heute Abend. Der ist für mich da und sorgt dafür, dass ich mich selber auch entfalten kann.

Spielst du ein Instrument?

Ich bin Universal-Dilettant. Der Spruch ist geklaut vom Schriftsteller Wolfgang Welt, gleich noch ein Bochumer, der leider 2016 gestorben ist. Aber zurück zur Frage: Ich produziere vor allem elektronische Musik. Ich habe den allergrößten Respekt vor dem Handwerk, vor dem Können, vor dem Beherrschen der Kunst.

Das ist das eine – das andere ist das Kreative, wo du die Quelle anzapfen musst, die mit dem Handwerk nicht so viel zu tun hat. Manchmal produziere ich Sachen, bei denen ich denke: „Das darfst du niemanden vorspielen, es ist fürchterlich!“

Igor Albanese im Gespräch mit Mike Litt (r.) (Foto: Frank Lothar Lange)

Und sowas versteckst du dann in der Schublade?

Nicht immer. Ein Kollege von mir beim Deutschlandfunk, Christian Moster, ist Musikwissenschaftler und vor allem Musikliebhaber. Ihn habe ich bei einer neuen Sache gefragt: „Christian, ich brauche dein Urteil, kann man das auf die Menschheit loslassen?“

Meine Musik ist nicht disharmonisch, aber ich nutze den großen Spielraum der verschiedenen Sounds sehr aus. Da war ich mir unsicher, ob das irgendjemand außer mir hören will.

Und? Was sagte Christian?

Er sagte: „Das ist toll. Mach weiter!“ Das war mir viel wert. Denn das, was ich jetzt mache, ist wirklich nicht gerade massentauglich, es ist nicht für den Dancefloor gedacht, sondern sehr atmosphärisch – eher so Elektronika im weitesten Sinne.

Ich bin lange Zeit in meinem Leben herumgelaufen wie ein schockgefrosteter 28-Jähriger.“ Mike Litt

Würdest du gerne eine Radiosendung ganz in Eigenregie machen?

Nee, eigentlich nicht. Der Moderator ist ein Aushängeschild, aber es gibt immer ein Team oder eine Redaktion im Hintergrund. Ich brauche ein Team.

Auf der einen Seite kann ich sehr gut alleine für mich arbeiten. Aber letztendlich, wenn es darauf ankommt, ist es mir immer sehr wichtig, vorab auch mit anderen zu sprechen. Also andere Gedanken und auch einen anderen Blick auf die Dinge mitzubekommen.

Welches Thema beschäftigt dich in deinem Leben?

Ich bin lange Zeit in meinem Leben herumgelaufen wie ein schockgefrosteter 28-Jähriger. Das soll auch irgendwo so bleiben. Gleichzeitig bin ich – das muss ich offen gestehen – irgendwie immer noch auf der Suche nach der Erlösung.

Meine Familiengeschichte ist nicht ganz einfach. Es gibt viele Leerstellen in meiner Biografie. Ich glaube, die größte Aufgabe, die ich in meinem Leben habe, ist, meinen Söhnen ein guter Vater zu sein – als jemand, der nie einen Vater hatte. Das ist für mich eine riesige Herausforderung.

Was wünschst du dir noch für deine Karriere?

Ich fühle mich reich beschenkt, dass ich mit den Dingen, die mir Freude machen, leben darf. Dass ich daraus einen Job gemacht habe, ist einfach nur großartig.

Ich liebe Musik, Literatur, das Radio – es ist toll, dass ich mich in diesen Dingen, in denen ich mich wohl fühle, bewegen kann. Insofern habe ich nicht so eine große Erwartung. Es geht mir eher darum, bei allem, was ich mache, mit Liebe und Freude dabei zu sein, als schon den nächsten Schritt zu planen.


(Foto: Frank Lothar Lange)

Mike Litt wurde 1967 in den USA geboren, wuchs in Dorsten auf und lebte jahrelang in Bochum. Er ist Journalist, Autor und DJ. Bei 1Live moderierte er 15 Jahre lang die Sendung „Klubbing“, seit 1995 sitzt er an Heiligabend als „einsamster DJ der Welt“ im Studio. Bei WDR2 moderiert er wöchentlich das Abendprogramm „POP!“, samstags bei Deutschlandfunk Nova den „Club der Republik“ mit elektronischer Musik. 2012 erschien sein gleichnamiger autobiografischer Roman. Mike Litt lebt mit seiner Familie in Düsseldorf.

2018-10-23T16:07:06+00:00Oktober 10th, 2018|Menschen|