#Dialog: „Im Herzen bin ich Musiker geblieben“

Im Dialog: Kulturdezernent Al Ghusain und Folkwang-Professor Hufschmidt

Interview: Igor Albanese und Julian Kühn
Fotos: Jens Kolpatzik

Muchtar Al Ghusain ist in Essen noch relativ neu. Als Kulturdezernent kümmert er sich auch um Musik in der Stadt. Folkwang-Professor Thomas Hufschmidt will mit ihm einen Neustart wagen. Ein Gespräch über Musik und den schwierigen Weg zur Musikstadt.


Herr Hufschmidt, was wünschen Sie sich vom neuen Kulturdezernenten der Stadt Essen?

Thomas Hufschmidt: Ich wünsche mir, dass er sich in den politischen Gremien für die Kultur einsetzt. Dass er versucht, Kontakte und Netzwerke zu finden, dass er sich auskennt und weiß, was in seiner Stadt passiert – musikalisch, aber auch kulturell ganz allgemein.

Muchtar Al Ghusain: Da ich ja selbst aus dem Musik- und Kulturbereich komme, glaube ich zu wissen, welche Themen Musiker oder Künstler beschäftigen. Was treibt sie an? Was führt sie in diesen Beruf? Was macht die Unterschiede aus?

Und so bin ich in meiner Rolle das Bindeglied zwischen den Politikern, der Verwaltung und der Kulturszene. Ich vermittle der Verwaltung oder auch der Kulturszene, wie die Politik funktioniert und umgekehrt erkläre ich auch der Politik, wie Kunst funktioniert.  

Herr Hufschmidt, wie empfinden Sie die Musikszene in Essen?

Thomas Hufschmidt: Essen ist kein einfaches Pflaster. Die Stadt ist relativ groß, und die sogenannten Mittelzentren wie zum Beispiel Borbeck, Werden, Steele führen oft ein lebendiges, urbanes Eigenleben.

So ist es für uns als Hochschule im Stadtteil Werden mit rund 300 Veranstaltungen im Jahr überhaupt kein Problem, die Menschen immer wieder zu erreichen und zu begeistern, da es hier lange Traditionen und eingeführte Strukturen gibt.

Folkwang-Professor Thomas Hufschmied (Foto: Jens Kolpatzik)

Dies gilt jedoch nicht für die Stadt im Allgemeinen. Es ist meines Erachtens schwer, die Menschen in Essen zu erreichen und zu begeistern. Es hat sich in den vergangenen Jahren viel sogenannte Systemgastronomie aufgebaut und es fehlt an originellen Locations mit einem eindeutigen Profil, welches die Leute neugierig macht und anzieht.

Grundsätzlich ist das Interesse an Livemusik  vorhanden, wir brauchen jedoch profilierte Clubs mit Betreibern, die nicht nur gastronomisch an so ein Projekt rangehen. Mittlerweile haben wir in Essen ein großes Potential an Musikern, die stilistisch breit aufgestellt sind. Die brauchen Jobs, sonst sind sie irgendwann wieder weg.

Muchtar Al Ghusain: Wie ich bereits angedeutet habe, bin ich neu in dieser Stadt. Ich sauge alles auf und versuche herauszufinden, wie die Stimmung ist, wo die Bedürfnisse liegen. Dann kommt meine eigene Analyse, und dann kann man versuchen, irgendwo hinzulenken, Debatten zu führen, Partner zu finden. Natürlich kann ich eine Rolle spielen, wenn es darum geht, das Profil der Szene in Essen zu schärfen. 

„Ich bin ein Lokalpatriot. Ich lebe gerne hier.“ Thomas Hufschmidt

Thomas Hufschmidt: Das ist gut. Doch man sollte die Künstler und gerade auch die Studenten ihre eigenen Erfahrungen machen lassen. Durch die Institutionalisierung gibt es die Tendenz, dass man sich um alle Belange der angehenden Künstler kümmert. Dies führt unter Umständen zu einer gewissen Unselbstständigkeit, was sich auch auf die Kreativität negativ auswirken kann.

Wenn allerdings die urbanen Rahmenbedingungen stimmen, wird der Musiker seine vielfältigen Erfahrungen machen und eigene Projekte entwickeln. Wenn verschiedene Rahmenbedingungen günstig sind, kann auch so etwas wie Szene entstehen.   

Muchtar Al Ghusain: Manche in der Jazz- oder Rockmusik verstehen sich auch als subversive Gegenkultur und wollen nicht vereinnahmt werden. Ich kann eine super Strategie haben und alles organisieren, doch bevor ich wie eine Dampfwalze über alles rüberfahre, muss ich erstmal hören und erkennen, worum es geht.

Mir ist aber auch wichtig zu betonen, dass ich von Essen und seiner Vielfalt fasziniert bin – gerade auch im Kulturbereich. Im Herzen bin ich Musiker geblieben und ich freue mich über die aktive Szene.  

„Ich bin das Bindeglied zwischen Politikern, der Verwaltung und der Kulturszene.“ Muchtar Al Ghusain

Thomas Hufschmidt: Stimmt, es hat sich einiges getan. Seit zehn Jahren machen wir die schöne Erfahrung, dass immer mehr Studenten hierbleiben, statt nach dem Studium wegzuziehen. Es ist inzwischen bei ihnen angekommen, dass das Ruhrgebiet sehr viele Vorteile hat und auch geografisch günstig liegt.

Meine ehemaligen Studenten haben Jobs im Theater, Musical, Orchester; sie spielen in Bands unterschiedlicher Stilistik und unterrichten an Musikschulen. Das Berufsbild des Jazzmusikers ist sehr vielfältig und für Außenstehende oft nicht nachvollziehbar. Durch die Dichte der Städte gibt es ein Angebot an kulturellen Institutionen, welches bundesweit einzigartig ist.

Das war auch für mich ein Grund, warum ich hier geblieben bin. Ich war relativ früh etabliert und hatte gute Arbeitsmöglichkeiten. Ich bin ein Lokalpatriot. Ich lebe gerne hier.

Was können Sie für einen aktiveren Austausch und eine verbesserte Sichtbarkeit der Kultur in Essen tun, Herr Al Ghusain?

Muchtar Al Ghusain: Ich suche permanent das Gespräch, man muss die Chancen suchen und Neues ermöglichen. Das sind wichtige Aufgaben eines Kulturdezernenten. Austausch hilft immer. Wie hier, im Café und Coworking Space Kabü, konzeptionell, strategisch, in kleiner Runde.

Kulturdezernent Muchtar Al Ghusain (Foto: Jens Kolpatzik)

Man kann mit einem bestimmten Thema starten. Geht es zum Beispiel in der Jazzszene darum, zwei Orte in dieser Stadt als ihre Orte zu etablieren, dann müssen konkrete Fragen geklärt werden. In diesem Moment hilft keine Debatte über Kultur im Allgemeinen, doch wenn es grundsätzlich um Kulturpolitik, andere Formate und interdisziplinäre Ideen geht, dann können Debatten in einem größeren Kreis sehr anregend sein.

Denken wir Ihr Beispiel weiter: Wie könnte so eine Jazzinitiative aussehen? Wie würden Sie vorgehen?  

Muchtar Al Ghusain: Vor 20 Jahren habe ich in Schwäbisch Gmünd tatsächlich mit der Szene gemeinsam eine Jazzinitiative gegründet. Den Verein Jazzmission e.V. gibt es heute noch. Die Stadt ist klein, hat etwa 60 000 Einwohner. Doch auch dort gibt es eine Jazzszene. Wir hatten einen Saal mit 400 Plätzen zu Verfügung.

Aber die Bühne und das Auditorium passten nicht. Es war nicht der richtige Ort, wir hatten aber keinen anderen. Also haben wir alles umgedreht. Die Bühne wurde im Zuschauerraum installiert und auf der Bühne wurde eine Bar aufgebaut.

Dieser relativ gesichtslose Raum war plötzlich etwas Besonderes. Die Leute könnten sich mit etwas identifizieren. Es braucht diese Atmosphäre, ein besonderes Flair.

Thomas Hufschmidt: In Essen war das so leider nicht möglich. Wir haben es mit der „Jazzoffensive“ jahrelang kontinuierlich versucht und uns ungefähr zehn Locations angeschaut. Aber es hat nicht geklappt. Nachdem der Goethebunker abgesagt hat und sich eine Idee in der nördlichen Innenstadt zerschlagen hatte, bekamen wir einen alten Supermarkt angeboten.

„Essen ist kein einfaches Pflaster.“ Thomas Hufschmidt über die Essener Musikszene

Im Keller sollte ein Clubprojekt entstehen. Bernd Mengede, der damalige Leiter des Kulturamtes war sehr engagiert. Letztendlich wurde das Projekt jedoch nicht verwirklicht, da bestimmte städtische Ämter zu beanstanden hatten, dass nicht genug Parkplätze ausgewiesen seien. Außerdem gab es baurechtliche Probleme.

Wir hatten schon Proberäume für mehrere Bands geplant, ein Café, es hätte alles gut funktionieren können, auch Investoren waren mit im Boot. Es war vielleicht Pech, schlechtes Karma, ich weiß es nicht. Ich hoffe sehr, mit Ihnen, Herr Al Ghusain, wird es besser.

Muchtar Al Ghusain: Wir sollten es versuchen!

Herr Al Ghusain, konnten wir Ihnen mit diesem Gespräch helfen, die Musik- und Kulturszene in Essen ein wenig besser zu verstehen?  

Muchtar Al Ghusain: Auf jeden Fall, ich empfinde diese Unterhaltung als einen guten Anfang für die Zukunft. Ich will nicht alle Mitdenkenden vereinnahmen, es gibt in der Künstlerszene viele Individualisten und jeder hat zurecht seine eigenen Vorstellungen.

Aber ich möchte wachsam und mit Sachverstand zur Dynamik im Kulturleben und natürlich auch in den Bereichen Jugend und Bildung, für die ich auch zuständig bin, beitragen. Die Vielfalt, die mich in Essen erwartet, ist inspirierend und herausfordernd – und ich freue mich auf weitere Begegnungen.

2018-10-03T18:31:33+00:00Oktober 4th, 2018|Menschen|