„Yoga, Mineralwasser und Johann Sebastian Bach“

Sting-Gitarrist Dominic Miller im Interview

Der Sting-Gitarrist Dominic Miller spielte im Mai ein besonderes Konzert in der Kulturkirche Heilig Kreuz in Bottrop. In der Konzertpause sprachen Till Beckmann und Igor Albanese für MAG|NET mit dem Weltstar über Architektur, Musik und Gefühle.

Igor: Dominic, wie fühlt es sich an, in dieser Kirche zu spielen?

Dominic Miller: Es ist großartig. Der Saal hat einen ganz speziellen Klang. Eine umwerfende Akustik. Der perfekte Ort für meine Gitarre! Als Kind war es für mich Gewohnheit, den Gottesdienst zu besuchen. Ich habe viele Erinnerungen daran. Jetzt gehe ich nicht mehr in die Kirche, aber früher war ich wirklich oft dort und wann immer sich die Gelegenheit bietet, in einer Kirche zu spielen, nehme ich sie wahr.

Till: Der Autor Ralf Rothmann, der in der Nachbarstadt Oberhausen aufgewachsen ist, hat sinngemäß gesagt, dass die Kirchen seiner Kindheit das einzig schöne inmitten der von Industrie geprägten Landschaft waren. Das Gold, die Kerzen, der Weihrauch…

DM: Die Fenster. So wie hier. Das Kirchenfenster und die Fassade sind außergewöhnlich und ich schaue, während ich spiele, auf dieses Fenster. Die Zuschauer leider nur auf mich. (Dominic Miller lacht) Für mich macht die Schönheit eines Ortes aber grundsätzlich die Atmosphäre aus, unabhängig davon, ob es dort schön oder hässlich ist. Du kannst einen Ort nicht nur nach der Optik beurteilen.

Till: Stimmt, mir ging es schon an den schönsten Orten schlecht und an den hässlichsten Ort gut.

DM: Dieser Bau, in seiner geometrischen Komplexität und Vollkommenheit, besonders die Glasfassade, hat das gewisse Etwas. Tiefgründig, fast magisch.

Igor: Zuletzt haben wir uns in meiner Heimatstadt Pula in Istrien an der Adria getroffen. Dort hast du mit Sting für Zehntausende Fans gespielt. Heute spielst du für 400 Menschen. Was magst du lieber?

DM: Beides ist sehr speziell, auf seine ganz eigene Weise. Ich mag es sehr, mit Sting zu spielen. Das gibt mir das Gefühl, Teil von etwas Großem zu sein. Aber kleine Konzerte mag ich auch. Da fühle ich mich dem Publikum näher. Es ist einfach intimer.

Igor: Was bedeutet es für dich, Musiker zu sein?

DM: Es ist meine Leidenschaft. Außerdem ist Musik irgendwie meine ganz persönliche Disziplin. Ich muss hart trainieren, um den Standard zu halten.

Igor: Gilt für dich auch das Klischee von Sex, Drugs and Rock’n’Roll?

DM: In den Achtzigern und Neunzigern war ich für jeden Spaß zu haben. Das bereue ich auch nicht. Um meine Karriere und meine Gesundheit nicht zu gefährden, halte ich es heute aber mehr mit Yoga, Mineralwasser und Johann Sebastian Bach.

Igor: Wie bringst du dein Familienleben mit der Musik zusammen?

DM: Das ist echt schwierig und ein Balanceakt. Aber ich bin bereits mit 25 Jahren Vater geworden und kenne es gar nicht mehr anders. Das Wichtigste ist, dass mir meine Familie die Freiheit gab, meiner Leidenschaft nachzugehen.

Igor: Wie schreibst du neue Musik?

DM: Erst kümmere ich mich um das Konzept. Dann öffne ich mich für Inspirationen, die von überall herkommen können. Wenn ich einmal ein Konzept für ein Album fertig habe, kommen die Songs fast von allein. Es ist nicht schwer, Musik zu machen. Wichtig ist nur, die Perlen herauszufiltern, die einem in die Hände fallen. Manchmal ist auch ein wenig Glück dabei, den richtigen Ton oder die richtigen Melodien zu treffen, aber um gute Musik zu machen, bedarf es vor allem viel Arbeit.

Igor: Hast du Angst, irgendwann keine Ideen mehr zu haben?

DM: Das wäre dann tatsächlich der Zeitpunkt, in Rente zu gehen. Aber so weit, so gut: Wenn ich aufhöre, musikalisch zu wachsen, höre ich eben auf, öffentlich Musik zu machen. Zur Not gehe ich eben in eine Kirche und spiele dort für mich allein.

Till: Wann kommst du das nächste Mal ins Ruhrgebiet?

DM: Wenn ich das Glück habe und ihr mich wieder einladet, komme ich sehr gerne.

VITA
Dominic Miller
… wurde 1960 in Buenos Aires geboren und lebte später in den USA und in London. Er ist seit mehr als 25 Jahren Gitarrist von Sting und arbeitete außerdem mit Tina Turner, Donovan, Rod Stewart, Paul Young, Phil Collins und den Backstreet Boys zusammen.

Interview und Übersetzung: Igor Albanese & Till Beckmann
Fotos: Frank-Lothar Lange

2018-09-26T12:08:53+00:00September 14th, 2018|Menschen|