Buchhandel vs. Self-Publishing

#Gegenpole
„Ein Buch braucht Geburtshelfer“

Elena Schmitz von der Buchhandlung Schmitz in Essen-Werden glaubt an renommierte Verlage. Der Essener Daniel Duhr ist überzeugter Selbstverleger und mit seinem Buch „Handballhölle Bezirksliga“ in einer Nische erfolgreich. MAG|NET bat die beiden zum Gegenpole-Gespräch.

Elena, Hand aufs Herz: Liest du Bücher von Selbstverlegern?

Elena Schmitz: In der Regel nicht. Wir führen auch nur ganz wenige Bücher aus Eigenverlagen. Wenn ein Autor bis zu einem Verlag durchkommt, ist das in der Regel ein Zeichen, dass da jemand schreiben kann. Dass da Talent, eine ausgereifte Idee und Qualität vorhanden ist. Man sieht bei Eigenverlagsbüchern in der Regel qualitative Unterschiede zu einem Verlagsbuch. Inhaltlich und auch äußerliche.

Also ist Eigenverlag gleich schlechte Qualität?

ES: Das würde ich so pauschal nicht sagen. Aber für mich ist die Arbeit eines klassischen Verlages gar nicht hoch genug einzuschätzen. Viele Leser wissen gar nicht, wie viele Schritte nötig sind, bis ein Buch veröffentlicht wird. Viele verschiedene Berufsgruppen sind beteiligt: Lektorin, Illustrator, Vertriebsleiter und schließlich die Buchhändlerin.

Daniel Duhr: Das ist durchaus alles richtig. Sagt aber noch nichts über die Qualität eines ohne Verlag publizierten Buches aus. Ich glaube übrigens nicht, dass ein Verlag auch nur annähernd so viel für ein Erstlingswerk von einem unbekannten Autor getan hätte, wie meine Helfer und ich es für mein erstes Buch „Handballhölle – Bezirksliga“ getan haben. Ist ja auch klar: Die Motivation ist eine ganz andere.

„Handballhölle – Bezirksliga“ ist aktuell das meistverkaufte Buch zum Thema Handball bei Amazon. Du erzählst darin von deinen eigenen Erfahrungen. Wie bist du beim handwerklichen Teil vorgegangen?

DD: Zuerst hatte ich die Idee, dann das Konzept und relativ früh ein Inhaltsverzeichnis. Die einzelnen Kapitel haben sich flüssig durchschreiben lassen. Was auch deswegen so gut lief, weil ich diese kleinen Geschichten aus dem Handballeralltag alle selbst so erlebt habe. Ich musste also nichts dazudichten.

Welche Fehler sollte ein Selbstverleger möglichst vermeiden?

ES: Ich glaube, ein gutes Lektorat ist entscheidend. Lektoren bekommen leider ähnlich wie Übersetzer selten Anerkennung abseits der Fachwelt, dabei sind sie für ein gutes Buch unersetzlich. Ein Autor braucht einfach unabhängiges Feedback. So wie Steven Spielberg mal sinngemäß gesagt hat: Meine letzten Filme sind nichts geworden, weil sich niemand mehr getraut hat, mich zu kritisieren.

DD: Klar, das ist wichtig. Wobei auch Verlagsbücher nicht automatisch ein gutes Lektorat genossen haben. Da findet man auch regelmäßig Fehler in finalen Versionen. Ich wurde von meinen Probelesern übrigens gut und hart kritisiert – ganz ohne Verlag.

Welche Schritte führen den Selbstverleger zum fertigen Buch?

DD: Wenn du alles selbst machst, ist das Schreiben nur etwa ein Drittel der Arbeit. Du musst zusätzlich Personen finden, die Lektorat, Satz und Illustrationen übernehmen. Dann brauchst Du natürlich noch eine Druckerei…

ES: Da bist du also erst einmal ordentlich in Vorleistung getreten. Wolltest du das Buch von Anfang an so herausbringen, oder hast du vorher versucht, den klassischen Weg über einen Verlag zu gehen?

DD: Ich wollte das Buch von Anfang an alleine herausbringen. Weil ich die richtigen Leute um mich hatte, die mich unterstützt haben. Das Lektorat haben beispielsweise meine Frau und ein Freund gemacht, beides Redakteure. Und da ich selbst im Marketing arbeite, konnte ich auch viel selbst übernehmen.

ES: Das reduziert natürlich die Kosten. Die sind für Eigenverleger mit professionellem Anspruch sonst oft schwer zu stemmen. Da sehe ich den Vorteil eines Verlags. Du kannst dein Buch nicht einfach ausdrucken oder online einstellen. Ein Buch braucht Geburtshelfer. Wenn dein Buch in einem seriösen Verlag erscheint, hast du keine Kosten. Mit etwas Glück kriegst du vielleicht sogar einen Vorschuss.

DD: Geburtshelfer hatte ich so gesehen auch. Doch der finanzielle Aufwand war auch für mich eine ordentliche Hausnummer. Und Kleinstauflage hin oder her – beim Druck spielt es fast keine Rolle, ob ich 5.000 oder 10.000 Bücher drucken lasse. Das Teure ist ja, dass die Druckerei einmal die Maschine anschmeißt.

Würdest du bei einem guten Angebot zu einem Verlag wechseln?

DD: Da würde ich mir immer folgende Frage stellen: Wie viel Spaß macht mir das, was ich gerade selbst mache – und wie viel Aufwand ist es? Kann und will ich das in Eigenarbeit leisten? Wenn nicht, käme ein Verlag in Frage. Gerade um Weihnachten herum wurde es bei mir stressig, weil extrem viele Bestellungen kamen. Aber es ist auch ein schönes Gefühl, wenn du abends zur Post fährst und deine eigenen Bücher verschickst.

ES: Du hast deine Bücher selbst eingetütet?

DD: Ja. Ich habe so viel wie möglich automatisiert. Ich Rechnungsvorlagen, Etikettendrucker und Stempel. Trotzdem braucht jede einzelne Bestellung ihre Zeit in der Bearbeitung.

ES: Das wäre mit einem Verlag einfacher. Der würde das übernehmen.

DD: Stimmt. Der würde aber auch 90 Prozent der Einnahmen übernehmen.

Umberto Eco hat gesagt, das Buch sei die perfekte Erfindung und könne nicht mehr weiterentwickelt werden. Elena, glaubst du das auch?

ES: Ich bin natürlich nicht ganz objektiv bei dieser Frage. Aber ich denke, das Buch wird es noch eine ganze Weile in gedruckter Form geben, auch wenn immer mehr Konkurrenz dazu kommt und die Aufmerksamkeitsspanne der Leser nachlässt. Auch unabhängige Buchhandlungen wird es noch eine Weile geben, weil wir als reale Personen dastehen und auch Empfehlungen abseits der Filterblase geben. Wir sind nah an unseren Kunden, als Menschen, nicht als Algorithmus. Im persönlichen Gespräch kommt man auf Buchtitel, die auf den ersten Blick gar nicht zu dem Kunden passen – die aber dann doch seinen Horizont erweitern.

Daniel, wo kaufst du deine Bücher?

DD: Im Buchladen oder online – je nachdem, ob ich Beratung brauche und ein wenig schauen möchte oder nicht.

Ein Buchtipp zum Schluss?

ES: Ich empfehle „Was nie geschehen ist“ von Nadja Spiegelman. Es ist Debüt einer jungen Autorin, die sich mit ihrer Großmutter und Mutter auseinandersetzt. Sie beschäftigt sich mit diesen beiden starken Frauenfiguren und lernt dabei eine Menge über das Leben und sich selbst.

DD: Im Sachbuchbereich Rolf Dobelli: „Die Kunst des guten Lebens“. Ansonsten: „Schrecklich amüsant – aber in Zukunft ohne mich“ von David Foster Wallace. Übrigens das Lieblingsbuch von Harald Schmidt, der wiederum mein Lieblingsunterhalter war.

Euch beiden vielen Dank für dieses Gespräch!

Interview: Till Beckmann
Fotos: Mischa Lorenz

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Schmitz. Die Buchhandlung
Grafenstraße 44
45239 Essen.
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Daniel Duhr
handballhoelle-bezirksliga.de
info@handballhoelle-bezirksliga.de

2018-09-11T20:51:47+00:00September 11th, 2018|Menschen|