Radschnellweg Ruhr: Auf Streifzug durch den ehemaligen Kohlenpott

Radeln statt Maloche: Unterwegs mit dem Vater des Radschnellwegs Ruhr

Mit dem Fahrrad in die City? Was vielerorts Nerven kostet, ist im Ruhrgebiet kein Problem mehr – Martin Tönnes sei Dank. Stefan Kreitewolf ging mit dem Vater des „Radschnellweg Ruhr“ auf Streifzug durch die Mitte des ehemaligen Kohlenpotts.

Himmelblau schimmert sein Rad im Regendunst. Wind und Wetter machen Martin Tönnes nichts aus. Mit seinem Pedelec, einem Fahrrad mit leichtem Elektroantrieb, fährt er täglich 23 Kilometer von seinem Wohnort Ratingen zur Arbeit im Essener Zentrum. „Am liebsten über den Radschnellweg Ruhr“, sagt er lächelnd. Der 58-Jährige ist so etwas wie der Vater des Radschnellwegs Ruhr, unter Kennern längst RS1 genannt.

Als Planungsdezernent des Regionalverbands Ruhr (RVR) war er maßgeblich für den Bau des RS1 zuständig – und sorgte damit für eine Weltpremiere. In München, Hamburg, Berlin, Stuttgart – überall sollen in den kommenden Monaten Radschnellwege entstehen. Nur zwischen den beiden Großstädten Essen und Mülheim an der Ruhr wurde die Idee bereits in die Tat umgesetzt.

Seit 2015 führen elf Kilometer vom nördlichen Rand der Essener-City bis zum Hauptbahnhof in Mülheim an der Ruhr – genau dort, wo jahrhundertelang kein Platz für Fahrräder war. Die asphaltierte Trasse bahnt sich ihren Weg über ein stillgelegtes Netz alter Schienen entlang der ehemaligen Rheinischen Bahn, die früher die Zechen mit den Häfen und Güterbahnhöfen verband.

„Auf dem bereits eröffneten Teilstück RS1 fahren täglich rund 1.100 Radler – auch im Winter“, berichtet Tönnes. Wenn er von „seinem RS1“ spricht, glänzen seine Augen. Seine Vision: „Ab 2020 sollen Fahrradfahrer auf 101 Kilometern zwischen Hamm und Bochum freie Fahrt haben – fast ohne Kontakt zum übrigen Straßenverkehr und gefährlichen Kreuzungen.“

„Mehr als nur ein Radweg“

Radschnellweg Ruhr (Foto: P3Agentur)

Für Tönnes wäre es die Erfüllung eines langen Traums. Bereits seit mehreren Jahren setzte er sich für Radschnellwege ein. Im Kulturhauptstadtjahr 2010 ging er in die Offensive. „Damals wurde die A40 für einen Tag gesperrt und Fahrradfahrer durften auf die Autobahn, das hat bei mir und bei den Fahrradleuten in der Region gezündet“, erinnert sich der Stadtplaner.

In der Folge sprach Tönnes mit Politikern, Stadtplanern und dem Landes- und Bundesverkehrsministerium. Im Ergebnis ist eine umfassende Untersuchung entstanden, mit der die Machbarkeit des Projekts aufgezeigt werden konnte. „Im September 2014 hatten meine Kollegen und ich die Führungsform, Querungen, Kreuzungen sowie andere Infrastruktur analysiert und beschrieben Lösungen und Kosten“, sagt Tönnes.

Das Ergebnis elektrisiert ihn noch immer: „Der RS1 ist möglich!“ Pünktlich zur Bewerbung Essens als „Grüne Hauptstadt Europas“ war das erste Teilstück fertig. Für Tönnes ist der RS1 mittlerweile „mehr als nur eine Straße oder ein Radweg“. Er habe das Potenzial, das städtebauliche Umfeld entlang der Route positiv zu beeinflussen.

„Am Niederfeldsee in Essen-Altendorf, mein Lieblingsplatz am RS1, ist das bereits erlebbar.“ Teile des Bahndamms, der das Viertel jahrzehntelang trennte, wurden für das Ausflugsziel abgetragen. „Wir hatten hier am Niederfeldsee ein Stadtviertel, das mit Blick auf die Bausubstanz und seiner sozialen Zusammensetzung problematisch war. Das ist heute vollkommen anders“, beschreibt Tönnes den Wandel des Viertels. Der dadurch entstandene Platz sei nun Fläche für die Gemeinschaft mit einer hohen Aufenthaltsqualität.

Und das sind keine leeren Worte: Am Ufer des von Regenwasser gespeisten Sees spielen Kinder Fußball, flanieren Familien, sitzen Studenten abends zusammen. 62 Appartements, die zum Teil Sozialwohnungen sind, bieten einen tollen Blick aufs Wasser.

101 Kilometer – nur auf dem Papier

Radschnellweg Ruhr (Foto: P3Agentur)

Die Neubauten am Niederfeldsee täuschen aber nicht darüber hinweg: Es noch viel zu tun.

Wer die alte Bahntrasse Richtung Osten weiterfährt, dort, wo das nächste Stück des RS1 entstehen soll, dem fällt auf: Der 101 Kilometer lange Radschnellweg besteht zum großen Teil nur auf dem Papier. Zwar versichern alle Städte weiterhin, alles für die schnelle Realisierung des Rs1 zu tun, doch der Ausbau stockt. Und dass ab 2020 zwischen Hamm und Duisburg mit dem Rad zur Arbeit gependelt werden kann, ist aktuell eher unwahrscheinlich.

Die Projekthoheit liegt mittlerweile beim Landesbetrieb Straßenbau NRW. Seit Ende 2016 sind Radschnellwege nämlich den Landesstraßen in NRW per Gesetz gleichgestellt. „Ein guter Anfang“, findet Tönnes.


Text: Stefan Kreitewolf

Titelbild: RVR/Jochen Tack

2018-09-06T09:38:24+00:00September 6th, 2018|Ideen|