Kay Shanghai: „Schwulenpartys sind gedankliche Ghettoisierung“

Der Essener Clubbesitzer Kay Shanghai im Interview

Kay Shanghais Partys sind wild und unberechenbar. Sein „Hotel Shanghai“ in Essen machte er 2003 auf, weil ihn kein Clubbetreiber mehr veranstalten lassen wollte. Ein Gespräch über das Ausgehen als Leidenschaft, Lebensaufgabe und gesellschaftlichen Mikrokosmos.


Kay, stimmt es, dass du in Shanghai geboren bist?

Nein, ich bin in Wuhan geboren. Das ist auch in China. Ich sag immer, das ist nebenan, aber wahrscheinlich sind hunderttausend Kilometer dazwischen. Meine Mutter war Tochter eines italienischen Diplomaten, mein Vater ein Ingenieur aus Essen.

Die haben sich in Afghanistan kennengelernt, da ist meine Schwester geboren. Und ich eben in China. Wuhan ist übrigens auch die Partnerstadt von Duisburg, was wiederum nebenan ist von meiner Wahlheimat Mülheim an der Ruhr – so schließt sich der Kreis.

Für MAG|NET hast du deinen Freund Antoine Timmermans zur Fotosession eingeladen. Antoine ist Niederländer und tritt als Kunstfigur Cybersissy gemeinsam mit Mourad Zerhouni aka BayBjane auf, die zwei gehören zu den international bekanntesten Drag-Queens. Welche Verbindung hast du zu den beiden?

Cybersissy und BayBjane kenne ich seit fast zwanzig Jahren. Das sind Wegbegleiter und richtige Grundstützen in meinem Gedankenpalast, also auch Partypalast. Antoine gehört zu den Ersten, mit denen ich im Partybusiness zusammengearbeitet habe. Das war damals im Autonomen Zentrum in Mülheim.

Drag Queen Cybersissy

Antoine Timmermans alias Cybersissy (Foto: Frank Lothar Lange)

Ich wollte den Leuten immer was Schönes bringen – aber ihnen auch immer ein bisschen weh tun, oder sie wenigstens ein bisschen ärgern. Antoine war dafür die perfekte Besetzung. Was er macht, das hat nichts mit Drag im herkömmlichen Sinne zu tun, also so, wie man das aus dem Fernsehen kennt.

Sondern?

BayBjane und Cybersissy sind eine symbiotische Künstlergeschichte. Eine moderne Märchengeschichte, die sich in den Klubs zugetragen hat – in der Kölner Partyszene, wo die beiden sich getroffen haben.

Die Synergie der beiden ist erstaunlich, und Antoine ist ein Visionär. Da sind die Wege heute kurz: Da trägt Antoine bei einem Auftritt in Amsterdam eine Frisur mit Schleifen aus Haaren – und ein paar Monate später siehst du genau dieselbe Frisur in einem Musikvideo auf dem Kopf von Lady Gaga.

Zurück nach Mülheim – Cybersissy und BayBjane sollten die Partygäste also aus ihrer Komfortzone holen. Hat‘s geklappt?

Mourad ist kleinwüchsig und hat noch weitere körperliche Abnormitäten oder Gebrechen, oder wie man auch sagen möchte. Nach Cybersissys und BayBjanes ersten Auftritten im Autonomen Zentrum kamen direkt Leute zu mir und haben sich beschwert: Ich würde mich über Behinderte lustig machen!

Genau das, finde ich, ist der Punkt. Muri ist kleinwüchsig – auch wenn ich ihn nicht auftreten lasse, wird es das nicht ändern. Sondern eher im Gegenteil: Wenn er auftritt, hat er eine gewisse Macht.

Inwiefern?

Wenn ich mit ihm im Alltag unterwegs bin und er ist nicht in Drag – selbst auf einem Konzert von Peaches (kanadische Elektrokünstlerin, Anm. d. Red.), wo LGBT-Publikum ist, drehen die Leute sich um und machen sich über ihn lustig. Einfach, weil er anders aussieht.

Ausgerechnet bei Peaches, die genau für das steht: für Andersartigkeit, dafür, dass man sich seinem eigenen Freak so weit wie möglich nähern sollte. Da sind dann Leute, die sind selbst schwul oder lesbisch oder was auch immer, und die fangen an zu tuscheln und zeigen mit dem Finger auf ihn. Das ist Teil desselben Systems. Deswegen finde ich auch, Schwulenpartys sind eigentlich nicht mehr nötig.

Aber du veranstaltest doch noch Schwulenpartys?

Ja, wir machen noch ab und an mal eine, aber eigentlich ist das obsolet. Jede Party ist mittlerweile frei genug dafür. Der Klub funktioniert als Mikrokosmos, wo all das ohnehin stattfindet. Jede einzelne Schwulenparty, die ich ansetze, kommt mir wie ein Rückschritt vor, wie eine Form von gedanklicher Ghettoisierung.

Kay Shanghai

Kay Shanghai: „Schwulenpartys sind gedankliche Ghettoisierung“ (Foto: Frank Lothar Lange)

Was wäre die bessere Lösung?

Die Nacht, die Party, steht für eine Welt, wie sie in perfekter Form eigentlich sein könnte. Ich finde, man muss das so fronten – man muss die Nacht fronten, man muss das Leben fronten und auch jede Begegnung. Ich mag den Clash. Das meine ich, wenn ich sage, ich will den Leuten was Gutes tun, aber sie auch so ein bisschen ärgern.

Fronten – was heißt das?

Fronten heißt, ich will die Zutaten einmal kurz durchmischen und dann will ich den Topf aufmachen und sehen, was drin ist. Das ist für mich selbst spannend, deshalb mache ich diese Sachen.

Mit deinen Acts im Hotel Shanghai bist du sehr nah am Zeitgeist. Du hast zum Beispiel 2016 die Band Wanda gebucht, ganz kurz vor ihrem Durchbruch.

Das war der einzig mögliche Zeitpunkt. Die sind unheimlich schnell sehr groß geworden. Und dann musst du die ja auch noch ein halbes Jahr vorher buchen!

Buchst du die Bands fürs Hotel Shanghai selbst?

Die ersten drei Jahre habe ich den Klub noch selbst gebucht, ab dann habe ich mich mehr darauf konzentriert, dass auch andere da mitmachen. Irgendwann konnte ich, wenn ich Musik gehört habe, überhaupt gar nicht mehr sagen, ob das nun gut oder schlecht ist.

Man muss aufpassen, dass der Prozess, jemanden in den Klub einzuladen, nicht zu sehr industrialisiert wird. Mit Wanda war es so – ihre erste Single, „Bologna“, hat meinen damaligen Ex-Freund sehr genervt. Ich habe Wanda dann gebucht, um ihn zu ärgern. Ich wusste, wenn der Song ihn nervt und mir gefällt, dann hat das diese Reibung, die es braucht.

Das Hotel Shanghai läuft seit 15 Jahren sehr erfolgreich. Geht es dir immer noch darum, anzuecken?

Auf jeden Fall. Ich will nicht nett sein, ich will direkt sein. Ich habe das Hotel Shanghai aufgemacht, weil ich irgendwann einfach nirgendwo mehr eine Veranstaltung machen konnte. Die haben alle gesagt: „Junge, das ist zu krank, was du hier machst.“

Aber ich war schon so drin, dass ich gar nicht mehr nachvollziehen konnte, dass das irgendjemand befremdlich oder abstoßend finden könnte. Ich wollte bloß nur noch mehr davon. So war ich gezwungen, meinen eigenen Laden aufzumachen. Ich war als Veranstalter verbrannt, ein Enfant terrible.

Siehst du dich selber als Clubbetreiber – oder auch als Künstler?

Ich glaube, wenn man viel Kunst veranstaltet – und ich mache ja viel Kunst, indem ich viele Künstler einlade –, dann wird man selbst unweigerlich auch irgendwie ein Stück davon. Ich bin jedenfalls eher Künstler als Geschäftsmann.

Ich wünschte, es wäre andersherum. Aber es ist ja auch sehr befreiend, das tun zu können, was man mag, für so lange Zeit schon. Und so, dass es einen selbst noch unterhält! Es darf ja auch mir nicht fad werden.


Interview: Christoph Ranft

Fotos: Frank Lothar Lange

2018-09-05T16:09:55+00:00September 3rd, 2018|Menschen|