Schubladen sind für Socken da

Weneta Scazzi ist Chefin des Folkwang Kammerorchesters und mag Kulturarbeit lieber als Geige üben. Chris Werner ist Frontmann der Essener Pop-Band Kuult und macht so gerne Musik, dass er sie auch unterrichtet. Eine Gemeinsamkeit der beiden ist die Erfahrung, dass der richtige Weg leichter zu gehen ist.

Wie seid ihr beide zur Musik gekommen?

Chris: Ich habe von zu Hause aus keinen musikalischen Background. Als Kind habe ich hin und wieder kleine Auftritte auf Weihnachtsmärkten oder in der Schule gehabt, aber das wurde nie gefördert. Mit 17 Jahren habe ich mir dann meine erste Gitarre gekauft und angefangen, mir das Spielen und Singen selbst beizubringen. Einfach, weil ich Bock darauf hatte! Ich hatte viel nachzuholen.

Weneta: Bei mir war es das genaue Gegenteil. Ich komme aus einem Musikerhaushalt. Beide Eltern sind Orchestermusiker, da war der Weg relativ geebnet, dass auch ich hauptberuflich Musikerin werde. Nachdem ich dann diese Richtung eingeschlagen hatte, habe ich aber festgestellt, dass das gar nicht so richtig zu mir passt und ich viel mehr auf die andere Seite, nämlich die Kulturorganisation, gehöre. Das ist meine Herzensangelegenheit. Eine halbe Stunde Geige üben würde ich jetzt jederzeit gegen zwanzig Stunden Büroarbeit tauschen. Und siehe da, seit ich nicht mehr hauptberuflich üben muss, bin ich wieder total gerne am Instrument.

Chris: Ein perfektes Beispiel! Dinge unter Druck zu lernen, ist grundsätzlich schwerer, als das Ganze mit Spaß anzugehen.

Weneta: Ja, absolut. Es muss von innen kommen! Dann ist auch das Spielen und Lernen von Musik einfacher und motivierter.

Chris, du bist nicht nur Sänger von Kuult, sondern mittlerweile auch Musiklehrer in deiner eigenen Musikschule „My Rock & Pop Schule“, die du mit deinen Bandkollegen gegründet hast. Wie gehst du mit deinen Schülern und Schülerinnen an die Musik heran?

Chris: Mit einer großen Ernsthaftigkeit – gerade die Theorievermittlung ist für mich sehr wichtig – aber unser Musikschulkonzept hat nichts mit dem klassischen Unterricht zu tun, in dem du gerade sitzen und Stücke vorspielen musst. Vermittelt wird eher das, was wir auch auf der Bühne machen. Gitarre spielen, singen und Songs schreiben ist das, was ich kann, also zeige ich den Leuten, wie das geht. Dabei achten wir sehr auf individuelle Kreativität und eigenes Schreiben. Üben gehört da natürlich dazu, es soll aber Spaß machen. Da kommen tolle Ergebnisse heraus. Es haben sogar schon Schüler als Vorband auf unseren Konzerten gespielt. Das war das Allergrößte!

Weneta, wie ist es im Kammerorchester und in der Klassik? Wie wählt ihr die Musiker aus?

Weneta: Ganz klar nach dem Leistungsprinzip. Wir sind ein unter anderem vom Land NRW gefördertes Orchester, das jungen Musikerinnen und Musikern, die am Ende ihres Studiums stehen, als Sprungbrett in die Berufskarriere dienen soll. Daher ist es ideal, wenn ein Bewerber einen NRW-Bezug hat und jünger als 35 Jahre ist. Aber fernab dieser zwei Kriterien bekommt jeder die Chance, sein Können zu zeigen. Der oder die Beste gewinnt und das Orchester entscheidet im Kollektiv, wer aufgenommen wird. Dabei geht es auch darum, ob die Kandidaten zu uns passen. Neben den musikalisch-technischen Fähigkeiten sind auch Teamspirit und Motivation für uns entscheidende Kriterien. Unser Chefdirigent Johannes Klumpp hat seit seinem Einstand sehr viel Gutes bewirkt. So wurde zum Beispiel die Frackpflicht für die Auftritte und die typische Einteilung in die 1. oder 2. Violine abgeschafft. Wir sind ein junges, exzellentes Orchester, das gerne an Traditionen festhält, es aber auch nicht scheut, Innovationen den Vortritt zu geben. Gute Ideen und eine Offenheit für neue Erfahrungen sind wichtig, um Schubkasten-Denken zu sprengen und sich weiterzuentwickeln.

Chris: Schubladen sind für Socken da!

Chris, wie kommen die angehenden Musiker zu euch? Macht ihr auch Musikvermittlung an Schulen?

Chris: Wir haben das probiert, allerdings ist dort die Umsetzung wesentlich schwieriger als im kleineren Kreis unserer Musikschule am Fliegenbusch in Essen, in der wir inzwischen gut sechzig Schüler unterrichten. Die Schüler kommen vor allem über Tipps und Empfehlungen zu uns. Es ist übrigens jeder und jede herzlich willkommen, sofern noch Plätze frei sind. Da spielt das Alter keine Rolle.

Du hast hinsichtlich Castings eine individuelle Erfahrung: Bei der ersten Runde von „The Voice of Germany“ bist du bis in die erste Fernsehrunde gekommen. Wie stehst du zu dieser Art von Förderung?

Chris: Für mich hat das inzwischen einen ziemlich faden Beigeschmack bekommen. Ich wurde damals gescoutet, habe mich also nicht selbst beworben. Die ganze Maschinerie ist für mich schwierig, weil so getan wird, als ob die Talente im Vordergrund stehen. Es stellen sich dort Menschen mit Träumen, Wünschen und Zielen auf die Bühne – zum Teil mit wirklich großem Talent. Es hat aber mit einem realen Musikalltag überhaupt nichts mehr zu tun, weil eine Plastikwelt erschaffen wird und man nach sechs Monaten von diesen hübsch aufgeschminkten Schicksalen leider nichts mehr hört. Bei mir war es auch so: Da warst du einmal im Fernsehen und wirst beim Einkaufen plötzlich überall erkannt. Bis man das alles realisiert hat, ist es schon wieder vorbei.

Mit der Band gehst du jetzt einen anderen Weg …

Chris: Stimmt, den entgegengesetzten, kleineren Weg. Wir haben schon mehrere Deals mit großen Plattenfirmen abgelehnt. Wir machen jetzt einfach alles selbst – dadurch wird es auch so besonders für uns, unsere eigene Musik denken und präsentieren zu können. Ein eigenes Album ist etwas total Persönliches und für uns das Größte am Musizieren überhaupt. Das ist etwas ganz anderes, als einfach Musik zu covern, wobei ich dem Covern nie seinen Wert absprechen würde. Ich habe das selbst sehr lange in Form von Straßenmusik oder auf unzähligen Sessions gemacht.

Weneta: Wenn wir als klassisches Orchester CDs produzieren ist es meist so, dass wir bereits bestehende Werke von Komponisten einspielen. Unser Orchester hat sich, seit unser Chefdirigent Johannes Klumpp da ist, mehr und mehr auf den Komponisten Mozart spezialisiert und genießt mittlerweile bald deutschlandweit den Ruf als „Mozart-Orchester“. Im Zuge dieser Profilierung spielen wir gerade – zusammen mit dem Ausnahme-Hornisten Christoph Eß, der alle Hornkonzerte Mozarts mit uns aufnimmt – unsere erste Mozart-CD beim Label GENUIN Classics ein. Es ist wirklich spannend, wie lebendig, feurig, euphorisch und einfach tausendgestaltig Mozart unter Johannes Klumpp bei uns klingen kann!

Wie gehst denn du als Geschäftsführerin des Folkwang Kammerorchesters Essen an die Arbeit heran?

Weneta: In der Theorie bin ich eigentlich nur für die Organisation und Entwicklung des Orchesters zuständig. Die Praxis zeigt aber, dass ich vom Anfang an, also von der ersten Konzeption künftiger Programme bis zum Schluss, wenn das letzte Notenblatt nach einem Konzert wieder eingesammelt wird, überall dabei bin. Dabei gehören zu den Aufgaben in Absprache mit dem Chefdirigenten nicht nur die Programmgestaltung und Künstlerakquise, sondern unter anderem auch das Schreiben von Dienstplänen, Pressetexten und Anträgen. Von der ersten Idee zu einem Konzert über die Notenrecherche, GEMA-Anmeldungen bis hin zur Nachbereitung nach dem Schlussapplaus ist das eine ziemlich umfassende Aufgabe für so eine One-Man-Show. Aber glücklicherweise habe ich seit dieser Spielzeit mit Markus Ollesch einen neuen Kollegen an meiner Seite. Zu zweit können wir viel mehr gemeinsam bewirken.

Es ging viel um Gemeinsamkeiten und Unterschiede. Ist zwischen euch der Musikfunke übergesprungen?

Chris: Ja – wir haben vor Beginn des Gesprächs schon zwei, drei Sätze ausgetauscht und direkt festgestellt, dass es einen großen gemeinsamen Kontext gibt.

Weneta: Und witzigerweise ist die Ideenmaschinerie auch sofort angesprungen! Chris hat schon spartenübergreifende Schritte gemeinsam mit einem klassischen Symphonieorchester gemacht und wir sind mit dem Kammerorchester auch immer auf der Suche nach neuen Formaten. Unsere neue Konzertreihe Extraklang auf Zollverein, die ganz nach dem Folkwang-Gedanken die Verbindung der Künste sucht, ist für Kunstübertritte hervorragend geeignet. Ein Konzert mit Kuult und dem Folkwang Kammerorchester Essen – vielleicht eine Vision für die Zukunft?

Interview: Igor Albanese und Julian Kühn

Redaktion: Julian Kühn

Fotos: Frank Lothar Lange

2018-06-11T14:58:19+00:00 Juni 10th, 2018|Ideen|